240 Fünfzehntes Buch. Erstes LKapitel.
gegeben. Zugleich aber erwuchsen auch die praktischen. Im
früheren, naturalwirtschaftlichen Mittelalter hatten Schenkungen
an die Kirche im Sinne von satisfaktorischen Werken nur in
Land stattfinden können; es gab fast kein anderes der Kirche
willkommnes Zahlungsmittel. Dementsprechend hatte die satis—
faktorische Praxis im ganzen einen aristokratischen Charakter
bewahrt; Landschenkungen pflegten immer größere Schenkungen
zu sein. Später dagegen, seit dem 18. Jahrhundert, wurden
auch Schenkungen in Geld möglich; die Kirche bedurfte ihrer,
da ihr Landbesitz wie der des Adels im Ertrag zurückging; sie
konnten in kleinen Raten erfolgen und wurden so angenommen;
an die Stelle seltenerer, aristokratischer Schenkungen schob sich
der massenhafte, demokratische Erwerb von urkundlichen Ver—
schreibungen des Ablasses.
In dieser Form war die Ablaßpraxis schon mit beginnen—
dem 15. Jahrhundert völlig entwickelt; bereits Hus klagt in
einer Synodalrede des Jahres 1405: „Ablaßkrämer und
Bettelmönche plündern haufenweise durch ungeheuerliche Feste,
durch vorgebliche Wunder, durch Bruderschaften und andere
lügenhafte Vorspiegelungen das Volk aus.“ Was wollte aber
die Praxis dieser Zeit besagen gegenüber der Steigerung, die
in den nächsten Generationen eintrat!
Anlaß hierzu gab nach gewissen Seiten hin zunächst das
mmer dringlicher entwickelte Bedürfnis der Laien selbst nach
kirchlichen Beruhigungsmitteln. Die geltende Heilstheorie bot
suchenden Seelen keine wirkliche Befriedigung mehr; mit um
so größerer Inbrunst ergriffen diese daher die Surrogate, wie
sie sowohl im Kultus und dessen Formenreichtum als auch in
der Ablaßpraxis von der Kirche dargereicht wurden; ihr Be—
dürfnis hat die Verbreitung und Durchbildung des Ablasses
wesentlich gesteigert. Und in derselben Richtung mußte das
—
Vor allem aber sprachen hier doch auch die finanziellen
Bedürfnisse der Kirche und des Papsttums mit. Im 14. Jahr⸗
hundert hatte die Kurie vornehmlich die Kirche geplündert; die
konziliare Bewegung des 15. Jahrhunderts ist nicht zum geringsten