Religiöse Bewegung; Luther. 241
getragen durch den Wunsch des Klerus, sich der finanziellen
Umgarnung durch die Kurie wieder zu entziehen!. Und in
der That hatte der Klerus auf diesem Gebiete einige Erfolge
erreicht. Im ganzen freilich blieb der alte Zustand erhalten;
und so konnte der Klerus das Bedürfnis empfinden, den weiter
lastenden Druck durch stärkere Ausbildung des Ablasses auf die
Laien abzuwälzen. Vor allem aber nahmen die finanziellen
Bedürfnisse des Papsttums selbst noch gewaltig zu. Die zweite
Hälfte des 15. Jahrhunderts umfaßt recht eigentlich die Periode
der Begründung des modernen Kirchenstaats; rücksichtslos, hin—
weg über Dasein und Interessen der kleinen Nachbarstaaten,
etwa im Sinne der Territorialpolitik deutscher Fürsten zur
gleichen Zeit, ward er geschaffen. In diesen Kämpfen wurde
das Haus der Borgia groß mit seinen grauenvollen Mitgliedern,
deren Schandthaten die popularen Phantasien über einen wieder—
kommenden Nero, einen zukünftigen Antichrist übertrafen, bis
dann zurückhaltender und würdevoller Julius II. ein Zeitalter
berhältnismäßiger Ruhe einleitete. Aber eben unter Julius
sttiegen die finanziellen Bedürfnisse dennoch weiter; es ist die
Zeit der herrlichsten italienischen Renaissance, Rafaels und
Michelangelos; und Glanz und Laster, ruhmvolles Mäcenat
und weichlicher Luxus erforderten nie gekannte Summen. So
spannte das Papsttum die Mittel des Klerus aufs äußerste
an und ging über sie hinaus an die Laien. Päpstliche Ablässe,
früher Ausnahmen, wurden jetzt völlig gebräuchlich und zum
einfachsten Handgeld sittlicher und religiöser Beruhigung: eine
neue, scheinbar unerschöpfliche Geldquelle brach empor. „Seht
da die große Scheuer des Erdkreises,“ rief Hutten von diesem Zu⸗
stand, „darinnen zusammengeschleppt wird, was in allen Landen
geraubt und geplündert worden ist, und in der Mitte jenen un—
ersättlichen Kornwurm, der ungeheure Haufen Frucht vers chlingt,
umgeben von seinen zahlreichen Mitfressern, die uns zuerst das
Blut ausgesogen, dann das Fleisch abgenagt haben, jetzt aber
1S. darüber Band IV.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.