2422 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
an das Mark gekommen sind, uns das innerste Gebein zer—
malmen, und zerbrechen, was noch übrig ist.“
Aber das Beginnen war verwegen. Der Klerus mochte es
ertragen, wenn ihn die Kurie beim Kragen faßte: jetzt ward den
Laien nach der Seele gegriffen. Nicht die Kirche als hier—
archische Anstalt, die Kirche als Heilsanstalt geriet in Gefahr.
Der Humanist Bebel spricht es schon im Jahre 1505 in seinem
Triumph der Venus aus: „alle Ersparnisse der Reichen und
Armen frißt jetzt der sogenannte Ablaß: die Seligkeit liegt
inter einem vollen Sacke begraben.“ Luther aber wandte sich
empört eben gegen diese Gefahr, daß das finanzielle Bedürfnis
der Kurie den Laien das Gewissen abgrabe; es ist der Anfang
der religiösen Kämpfe des 16. Jahrhunderts.
Papst Leo X. hatte zum Bau der Peterskirche einen großen
Jubiläumsablaß ausgeschrieben. Seinen Vertrieb für einen
großen Teil Deutschlands übernahm der Kurfürst Albrecht von
Mainz. Einer seiner Unterkommissare war Tetzel, ein Leipziger
Predigermönch, sittlich bedenklich, aber rührig und beredt. Er
begann seinen Handel im Jahre 1515, begleitet von Bevoll⸗
mächtigten des Hauses Fugger. Seine Thätigkeit erstreckte sich
namentlich auf den deutschen Nordosten; im Herbste 1517
sperrte er seinen Kasten zu Jüterbog und Zerbst auf, nördlich
und südlich von Wittenberg; deutlich merkte man in Wittenberg
den entsittlichenden Einfluß des Treibens.
Luther würde trotzdem, bei der nach innen gewandten
Art seines Wesens, schwerlich Einspruch erhoben haben,
hätte ihn nicht dazu eine im Jahre 1515 in seinem Leben ein⸗
getretene Wendung veranlaßt. Er war an Stelle des kränklichen
Simon Heinse stellvertretender Stadtpfarrer von Wittenberg
geworden. Das neue Amt war ihm anfangs schwer geworden;
nur mit Widerstreben bestieg er die Kanzel. Aber einmal mit
ihm ausgesöhnt ward er ein rechtschaffener Pfarrer; öfters
predigte er mehr als einmal am Tage, und seine Freunde
spöttelten wohl seit 1316, ob er mehr Pfarrer sei, ob mehr
Professor.
Von dieser neugewonnenen Seite seines Lebens her, als