278 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
durch die Eroberung der Schweiz vergebens herzustellen ver⸗
sucht hatte, war damit nach vielen Richtungen hin erreicht:
Osterreich war auch eine südwestdeutsche Macht von Bedeutung
geworden. Und der bald darauf erfolgende Erwerb der Land⸗
vogtei Hagenau ließ noch weitere Schlüsse zu. Jetzt bildeten
die österreichischen Besitzungen um den Oberrhein eine genügend
feste Masse, um von ihr aus gegebenenfalls gegen Frankreich
loszubrechen: die deutsche Territorialpolitik des Kaisers ward
alsbald einbezogen in den weltgeschichtlichen Zwist der Univer—
salmacht Karls mit den Königen Frankreichs.
Die deutschen Fürsten sahen dem allem mit Mißtrauen zu;
und ihre ersten Vertreter, darunter auch Friedrich der Weise,
antworteten sofort mit einer gewissen Hinneigung zu Frank—
reich. Es war der Beginn einer Verschiebung der Interessen,
die schließlich zum Bunde des Kurfürsten Moritz mit Frankreich
und zum Verlust der Bistümer Metz, Toul und Verdun
geführt hat.
Aber freilich: all diese Bedenken und Schwierigkeiten
waren gegen Schluß des Jahres 1520 auch unter den Ein—
zeweihten noch keineswegs völlig klar und ausgesprochen, und
noch viel weniger Gemeingut weiterer Kreise. Die Nation er⸗
wartete von dem nahenden Kaiser noch alles; mit fast un—
begrenztem Vertrauen schaute sie nach ihm aus, nicht zum
mindesten in der Sache ihres Herzens, in der kirchlich-religiösen
Bewequng.
Als Karl nach Deutschland kam, waren ihm Name und
Sache des Reformators nicht mehr unbekannt, mochte er auch
niemals etwas von Luther gelesen haben. Schon am 12. Mai
1520 hatte ihm sein Gesandter bei der Kurie, Juan Manuel,
berichtet: wenn er ins Reich gehe, möge er einem gewissen
Mönche, der sich Bruder Martin nenne, einige Gunst erweisen;
das werde gegenüber dem Papste, der diesen Martin sehr fürchte,
gelegentlich gut wirken. So beherrscht schon im Anbeginn der
politische Gesichtspwunkt die Behandlung der reformatorischen