Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

280 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
in Sachen der spanischen Inquisition einigen Bitten Karls 
entgegenkommend gezeigt. So scheint es, als hätte man Luther 
nun nicht mehr als Mann des Widerspruchs ausspielen, son⸗ 
dern sich dadurch, daß man ihn mundtot machte, ein Verdienst 
um die Kurie erwerben wollen. 
Aber auch an dieser Auffassung war es wiederum nicht 
möglich festzuhalten. Je länger der Kaiser in Deutschland 
weilte, umsomehr erkannten seine Ratgeber erst, was Luther 
bedeutete. Die Flut der religiös-politischen Flugschriften wuchs 
immer bedrohlicher, immer erregter ward ihr Ton, zumal seit man 
von der Verbrennung der päpstlichen Drohbulle durch Luther 
gehört hatte. Dabei war kein Zweifel, daß die gebildeten und 
einflußreichen Kreise auf Seite Luthers standen. „Gegen uns,“ 
berichtet Aleander Mitte Dezember nach Rom, „erhebt sich eine 
Legion armer deutscher Edelleute, die, nach dem Blute des 
Klerus dürstend, unter Huttens Führung am liebsten gleich 
über uns herfielen. Die deutschen Legisten und Kanonisten, 
die Priester wie die Verheirateten, sind alle unsere Feinde 
und erklärte Lutheraner. Schlimmer noch, als diese, treibt es 
die mürrische Sippschaft der Grammatiker und Poeten, von 
denen es in ganz Deutschland wimmelt!.“ Es war soweit 
gekommen, daß Aleander wo er ging und stand verspottet 
ward; nur in seiner elenden Wohnung, nahe dem kaiserlichen 
Quartier, fühlte er sich noch sicher. Ja am Hofe selbst ward 
er gelegentlich von einem „überaus lutherischen“ Thürsteher mit 
Rippenstößen traktiert. Dazu kam, daß der Kaiser und der 
künftige Reichstag in Worms im Machtbereich, gleichsam unter 
der Aufsicht Sickingens lebten, dessen Hanptburgen in der Nähe 
lagen. Nun hatte Sickingen sich allerdings dem Kaiser an⸗ 
geschlossen; aber wie oft hatte er nicht schon zwischen Reich 
und Frankreich geschwankt, und von seiner Feste Ebernburg an 
der Nahe, einer der „Herbergen der Gerechtigkeit“ aus, schleuderte 
eben jetzt Hutten Pamphlet auf Pamphlet zu Gunsten Luthers 
Nach der Übersetzung Kalkoffs (Schriften des Ver. f. Reformgesch. 
7, 2228)
	        
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