Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

286 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Er mußte warten; es dunkelte; die Fackeln strahlten, als er
den von dichtem Gedränge erfüllten Saal betrat. Und nun
sprach er offen und frei zur zweiten Frage. Er teilte seine
Schriften in drei Gruppen: von der Lehre des Evangeliums,
von Kurie und Papst, von seinen Gegnern habe er gehandelt.
Er bedaure den heftigen Ton seiner Streitschriften; seine Ab—
handlungen zum Evangelium würden auch von seinen Gegnern
anerkannt; zur zweiten Gruppe seiner Schriften wider Papst
und Kurie habe er nichts zu widerrufen. Aber nicht auf den
Widerruf komme es an, sondern auf die Wahrheit. „Derhalben
bitte ich um der göttlichen Barmherzigkeit willen Eure Majestät,
die allerdurchlauchtigsten Herrschaften, oder wer sonst sei er
hoch oder niedrig es vermag Zeugnis vorzubringen, meine
Irrtümer darzuthun, mich mit prophetischen und evangelischen
Schriften zu überwinden. Werde ich dessen überwiesen, so
bin ich bereit, jeden Irrtum zu widerrufen, und werde der
erste sein, der meine Bücher ins Feuer wirft.“
Aber man dachte nicht daran, Luther eine Disputation
zu bewilligen. Wie wäre sie im Reichstag auch nur möglich
gewesen? Der Trierer Offizial brachte die Meinung der
Stände zum Ausdruck, wenn er Luther bemerkte, er habe
nicht zur Sache geredet, man müsse eine Antwort „ohne Hörner
und ohne Mantel“ verlangen. Darauf erklärte Luther in „un—
stößiger und unbissiger“ Antwort: „Es sei denn, daß ich durch
Zeugnis der Schrift überwunden werde oder aber durch offen—
bare Gründe — denn ich glaube weder dem Papst noch den
Konzilien allein, weil es am Tage ist, daß dieselben zu mehr—
malen geirrt und wider sich selbst geredet haben —: so bin
ich überwunden durch die Schriftsteller, welche ich angeführt
habe, und gefangen in dem Gewissen an dem Wort Gottes:
deshalben ich nichts mag noch will widerrufen, weil wider
das Gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und gefähr—
lich ist.“
Die Mehrheit des Reichstages hörte die Worte mit Ent—
setzen. Der Papst kann irren, die Konzilien haben geirrt!
Auch das Konstanzer Konzilium, der Stolz der letzten deutschen
            
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