Kaiser Maximilian J.; Königtum und Reichsstände. 17
Niederrhein. Hier war das Kölner Erzstift aus der Soester
Fehde des Jahres 1444 mit schwerer finanzieller Belastung
hervorgegangen!. Die Folgen waren immer schwierigere Zwiste
zwischen den Ständen des Landes und den Kurfürsten, welche
die finanziell unumgänglichen Bedürfnisse durch ständische
Steuern zu decken hatten. Schließlich kam es zum offnen
Streit; die Stände sagten dem Erzstuhl den Gehorsam auf.
Darauf rief der Wittelsbacher Ruprecht, seit 1468 Erzbischof,
Burgund zu Hilfe. Herzog Karl griff begierig zu; mit einem
gewaltigen Heere zog er zum Rhein; für ihn handelte es sich
nicht nur um den Schutz des Erzbischofs, sondern um die
Eroberung des Erzstifts, ja vielleicht aller niederrheinischen
Gebiete.
Der Kampf, der nunmehr entbrannte, ballte sich um Neuß
zusammen, den strategischen Schlüssel des Niederrheins; seit
Juli 1474 ward die Stadt vom Herzog belagert. Aber in
Deutschland begriff man diesmal, durch die Trierer Verhand—
lungen gewarnt, was auf dem Spiele stand. Die Stadt erntete
hohes Lob in hartnäckiger Verteidigung; von allen Seiten aus
dem Reiche nahten Unterstützungen, ja Kaiser Friedrich selbst
machte Anstalten, sich zu regen; Jangsam zog er mit einem
Reichsheer rheinabwärts und kam wirklich noch rechtzeitig genug,
um den Abzug des burgundischen Heeres von Neuß mit anzusehn,
Juni 1475. Im ganzen hatten diesmal die Bürger einer Stadt,
wie bei Sankt Jacob einst die Schweizer Bauern, die West⸗
grenze des Reiches gerettet, zum Zeichen, was der mutige Einsatz
einzelner Reichsglieder für das Ganze noch immer trotz alles
Verfalles vermochte.
Der Herzog von Burgund aber wandte sich nunmehr vom
Niederrhein weg den oberrheinischen Interessen zu. Hier hatte
fich die Lage inzwischen eigenartig geändert. Wir wissen, daß
der ruhselige Herzog Sigmund von Tirol gegenüber dem
schweizerischen Vorwärtsdrängen nach Norden die vorderöster—
1S. Band IV Buch XII Kapitel 3 Nr. II.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.