Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

306 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
ich so beredt und reich an Worten, als Erasmus, und wäre 
ich im Griechischen so gelehrt, als Joachimus Camerarius, und 
im Hebräischen so erfahren, als Forstenius, und wäre auch 
noch jünger: ei, wie wollt' ich arbeiten!“ Aber diese Aner— 
kennung hat bei ihm niemals zum vollen Aufgehen in den 
Humanismus geführt; weit entfernt blieb er jedem schwärmeri⸗ 
schen Untertauchen in den Geist der klassischen Völker; an den 
humanistischen Studien war ihm immer nur die philologische 
Seite von Bedeutung: sie sind ihm bloße Hilfsmittel theologisch 
tieferen Verständnisses. Darum ist Luther auch niemals über 
das zur Interpretation der Bibel nötige Maß humanistischer 
Kenntnisse hinausgekommen. Die Grundlage seiner Bildung 
war und blieb scholastisch; seine Predigten verliefen in dem 
scholastischen Schematismus der Moralität, und sein Latein 
gewann nur dann humanistische Färbung, wenn er Gewicht 
darauf legte, elegant zu schreiben. 
So hat Luther sich wohl gelegentlich nicht ungern vom 
Humanismus berühren lassen; aber niemals anders, als 
oberflächlich. Die Beziehungen zu den Erfurter Huma— 
nisten waren vorübergehend; Luthers Freundschaft mit Spa— 
latin beruhte auf andern, als humanistischen Grundlagen, 
wenngleich sich Luther von ihm wohl über humanistische Vor— 
gänge unterrichten ließ. Daneben zeigte sich seit der Mitte 
des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts bei ihm 
gelegentlich sogar offene Abneigung gegen das Treiben nament— 
lich der jüngeren Humanisten. Der heilige Zorn, der ihn 
gegen die Verrottung der Kirche erfaßte, bot keinen Raum 
des Verständnisses für die frivole Sprache der Dunkelmänner⸗ 
briefe. Die rein historisch-philologische Interpretation des 
Römerbriefs durch Erasmus konnte dem Theologen nicht be— 
hagen, der in den Lehren des Neuen Testaments keine „Philo— 
sophie Christi“ erblickte, sondern die göttlich geoffenbarte 
Grundlage eines Lebenswandels im Glauben. 
Indes dieser innere Gegensatz hatte sich einstweilen nicht 
ausgesprochen. Im Gegenteil: durch Vermittlung und auf Rat 
Melanchthons, der Luthers persönliche Freundschaft genoß, waren
	        
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