Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 321 
Empfindung aber ist uns angeboren als ein dunkler Drang 
zum Guten; uns in ihr zu klären und zu stärken, hat Gott 
Christus, seinen Sohn, in die Welt gesandt; so ist Christus 
nicht unser Heiland, sondern nur unser Vorbild. 
Man sieht den Zusammenhang mit dem mittelalterlichen 
Vollkommenheitsideal, dem Christus vornehmlich auch nur als 
Wegweiser galt; man sieht die vollständige Abweichung von 
Luthers Lehre und die Betonung der Selbständigkeit des Sub⸗ 
jekts im Sinne eines späteren Jahrhunderts. Und man wird 
zugleich nicht den milden, quietistischen Zug der Lehre ver— 
kennen. 
Eben dieser Zug vor allem zeichnete das Leben der ober— 
deutschen Brüder aus. Fern blieben sie dem Besuch öffent— 
licher Lustbarkeiten, der Einkehr in Zunftstuben, der Teilnahme 
an den Versammlungen der selbstverwaltenden Körperschaften in 
Stadt und Land; verboten erschien ihnen Eid und Schwert, 
Kriegsdienst und obrigkeitliches Amt, ja das Erstreiten guten 
Rechts vor dem staatlichen Richter. So, ohne ein Verhältnis 
zu irgend etwas Außerlichem, frei in freigewählter Armut, mit— 
teilend dem Bedürfnis der Brüder und Schwestern, was immer 
sie hatten, lebten sie dahin, geduldig in Leid, der Verfolgung 
harrend: denn der Feigenbaum blüht, der Sommer ist nahe, 
und die Erlösung der Frommen herbeigekommen. Dabei er— 
füllte sie der Wanderdrang der irischen und angelsächsischen 
Mönche, der Waldenser, Tertiarier und Taboriten, und mit 
ihm die stille Lust an geheimer Propaganda. Mit dem Gruße 
des Friedens betraten sie die Hütten, schlugen die Bibel 
auf und lehrten das Evangelium in ihren Zungen. Und wo 
man sie erhörte in Stadt und Land, da besiegelten sie den 
neuen Bund der Heiligen mit wiederholter Taufe und weihten 
die Brüder zu Märtyrern Christi und geduldigen Bekennern 
der kommenden Zeit des Entchrists. 
So floß die neue Bewegung freudig dahin in den Tiefen 
der Nation, unter Handwerkern und Bauern zumal, ge— 
tröstet in Hoffnung, geduldig in Trübsal: bald umfaßte sie 
Lamprecht, Deutsche Geschichte V. 21
	        
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