Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 331

an denen er zuletzt gelebt hatte, gleichsam vogelfrei erklärt
worden; wie Luther nach dem Wormser Reichstag hatte er
eines Asyls bedurft. Er fand es bei seinem Freunde Sickingen
auf der Ebernburg, im Mündungsbereich des Nahethals. Hier
nun, im Herzen des großen rheinischen Verkehrsgebietes, in—
mitten der zahlreichen Adelssitze des Landes, sah er die Mög—
lichkeit vollkommensten Wirkens in humanistisch und reforma—
torisch ritterlicher Richtung vor sich.
Nach humanistischer Seite galt es dabei nur die Fäden
festzuhalten, die Jahre früherer Thätigkeit gesponnen hatten;
längst war Hutten als einer der begabtesten jüngeren Huma—
nisten bekannt. Wichtiger aber war das Verhältnis zur Refor—
mation; ganz anders begann diese jetzt den Geist der Nation
zu beschäftigen, als früher der Humanismus. Und hier mußte
es darauf ankommen, die Einigungspunkte zwischen den aristo—
kratischen und den reformatorischen Bestrebungen herauszufinden
und ins Licht zu setzen. Es ist das Thema des Gespräch—
—F—
blatt deutet die eigenartige Verbindung der in ihm enthaltenen
Ideen an; auf einem Holzschnitt desselben kämpft ein ritter—
licher Haufe siegreich gegen die wehklagende Klerisei; darüber
sieht man in wuüͤrdiger statuarischer Haltung Luther und Hutten,
den Ritter mit seinem Wahlspruch: Perrumpendum tandem
est, perrumpendum est. In der That handelte es sich um
reformatorisch verbrämte kirchlich-politische Vorschläge zu Gun—
sten des Adels. Eine allgemeine Verminderung der Geistlichkeit
und eine Sälularisation des geistlichen Gutes sollte angebahnt
werden, und die Mittel des konfiszierten Gutes sollten zur
Durchführung einer Reichsreform Verwendung finden, als deren
wesentlicher Punkt die Aufstellung eines großen Reichsheeres,
und damit eines großen Wirkungsgebietes zur würdigen Be⸗
schäftigung des Adels, betont ward.
Und schon erwartete Hutten Ende 1620 die Verwirklichung
dieses Ideals nicht mehr auf friedlichem Wege. Er träumte
von einem frischen fröhlichen Pfaffenkriege durchs Reich unter
Sickingens Führung; ja, er suchte für diesen Bundesgenossen
            
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