Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 333
haßter erschien ihr der Städter im gesellschaftlichen Wettbewerb
um die aristokratische Führung der Nation. Im Jahre 1521
zärte es überall; die schwäbischen Adligen planten ihren Austritt
zus dem fürstenfreundlichen schwäbischen Bunde; die Ritter—
schaft am Mittel- und Oberrhein hatte Sickingen in Landau
zum Hauptmann ihrer neuen „brüderlichen Vereinigung“ ge—
wählt und erwartete voll Spannung die weiteren Maßregeln
ihres Hauptes.
Sickingen hatte auf Seite Karls V. am Kriege gegen
Frankreich teilgenommen. Aber der Kampf hatte ihm nur
Verlust und Enttäuschung gebracht. Jetzt zog er heimwärts
mit müßigen Truppen. Lag es nicht nahe, diese für die Frei⸗
heit des Adels im Kampf gegen die fürstliche Geistlichkeit ein—
zusetzen? Einen Anfang zu machen mit dem großen Gedanken
der Säkularisation geistlichen Gutes? Die Idee hatte Sickingen
und seine Kreise schon früher beschäftigt; möglich, daß sie jetzt
hbon neuem, nun praktisch verwendbar, auftauchte. Freilich,
über den innersten Beweggründen Sickingens in diesem Augen—
hlick, da er dem Reich die Treue brach, lagert nicht minderes
Dunkel, wie über dem entsprechenden Momente im Leben
Wallenfteins, des zweiten großen Condottieres der deutschen
Beschichte. Es waren treulose Erwägungen, ungewohnt dem
deutschen Gemüt, ungewohnt auch dem Geschichtschreiber, der
sie nachzudenken die Pflicht hat.
Sickingen schien sich anfangs gegen Worms oder Speier
wenden zu wollen, schließlich brach er gegen das Kurfürstentum
Trier los, gegen das er wegen Rechtsverweigerung im einzelnen
gerechte Beschwerde hatte. Am 27. August 1522 sagte er die
Fehde auf, am 8. September erschien er vor der Stadt Trier
— DD schweren antichrist⸗
lichen Gesetz der Pfaffen zu erlösen und zu christlicher Freiheit
zu bringen“. Allein die Bürger hörten ihn nicht, und der
Erzbischof Richard von Greifenclau, ein hochgemuter und
kriegerischer Herr, zwang ihn, das Feld zu räumen; unter ent⸗
sfetzlichen Verwüstungen zog er sich ins untere Nahethal, den
Hauptsitz seiner Macht, zurück.