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Vierzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Alle diese Bestrebungen machten nun Front gegen den alten
italienischen Besitz des Reichs und noch mehr fast gegen den
geheiligten Begriff des Kaisertums; sie eröffneten das System
einer realistischen Politik ebenbürtig gedachter Königreiche West—
und Mitteleuropas, aus dessen Durchführung schließlich die
Idee des europäischen Gleichgewichts hervorgegangen ist.
Und sie hatten zunächst außerordentlichen Erfolg. Im
August 1494 überschritt Karl VIII. die Alpen; bald lag ihm
alles Land bis zu dem aragonesischen Königreich Neapel zu
Füßen; erst allmählich erhoben sich die an ihrem Leibe betroffenen
Mächte, Ferdinand von Aragon, der Papst, Mailand, Venedig,
und bildeten einen Bund zur Vertreibung des Eindringlings.
War es nicht Pflicht des römischen Königs, diesem Bunde
beizutreten? Persönliche Gründe wie Gründe der Reichspolitik,
daneben auch Gründe einer Hauspolitik, die nach Italien aus—
greifen wollte, ließen Max die Frage bejahen. Er stärkte darum
Mailand durch Verleihung der Herzogswürde an dessen Herrscher
Ludovico Sforza und trat am 30. März 1495 der italienifchen
Liga gegen Frankreich bei.
Vor allem aber kam es nun darauf an, das Reich für
diese groß angelegte und würdige Politik zu gewinnen. König
Max machte einen Versuch hierzu auf dem am 26. Mai 1495
eröffneten Reichstag zu Worms: der König von Frankreich
gehe darauf aus, die Freiheit der Kirche zu vernichten und das
Reich zu unterdrücken; sehe man länger zu, so werde das
Imperium der Nation entzogen werden und niemand mehr
seiner Ehre, seiner Würde, seiner Freiheiten gewiß sein. Zum
Schutze Mailands sei eine „iemlich eilende“ Hilfe, außerdem,
als Anfang eines wenigstens auf 10 bis 12 Jahre ständig
gedachten Heeres, eine „währende Hilfe“ zu beschließen; mit
ihr werde der König jeden Abbruch des h. Reiches hindern.
Die Stände waren demgegenüber bedenklich. Vor allem
die Städte. Sie blieben bei ihrem Kirchturmshorizont; sie
berechneten die Kosten. Es kam zu einem Hin und Her von
Reden und Verhandlungen; schließlich schien ein Ausweg in