38 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
rung jetzt ein ausgedehntes Proletariat im besseren Sinne
des Wortes, ja eine nicht unbedeutende Anzahl reiner Bettler
gegenüber.
Schon die soziale Entwicklung in den Städten an sich
mit ihren raschen Sprungen hatte eine große Anzahl von De—
klassierten geschaffen, die keineswegs immer die Stadt ver⸗
ließen, sondern bald in den Vorstädten, bald in dürftigen
Buden, die der Stadtmauer angeklebt waren, oder sonst in
verdächtigen und entfernten Straßen der Stadt weiter lebten,
ein allzeit gewärtiges Element des Aufstands. Ihnen gesellten
sich bald große Teile der landbauenden Bevölkerung der Städte
zu, die Gärtner und Häcker, die Winzer und Waidbauer. Sie
hatten im 14. Jahrhundert noch neben den Zünften eine
gleich geachtete Klasse der Bevölkerung ausgemacht. Jetzt
waren sie zurückgeblieben und ihr Besitz vielfach zersplittert,
neben ihnen aber war ein junger Stamm ärmlichster Land—
bauer auf dem parzellierten Boden der alten patrizischen Höfe
aufgeschossen, der sich mit ihnen vermischte. Das war schon
traurig genug. Dazu kam aber, daß die Stadtverwaltung
sich fast nur noch den gewerblichen und kommerziellen Inter⸗
essen widmete: die Landbauer waren vergessen. Kein Wunder,
wenn sie unzufrieden waren mit der jüngsten Entwicklung.
Das Gleiche traf auch für die freien Tagelöhner zu. Schon
früh war deren Stand vorhanden, aus Worms wissen wir von
ihm vermutlich schon aus dem Jahre 1207. In der That
bedurften die Städte aus den mannigfachsten Gründen von
jeher freier kräftiger Arme. Die vielen Markthelfer, die
städtischen Maut-, Wage- und Meßbeamten waren den freien
Lohnarbeitern entnommen, und die blühend entwickelte Hauderei
wie das Saumtierwesen des Großhandels, endlich die volle
Kriegsbereitschaft der Stadt waren ohne sie undenkbar. So
spielten sie in den Städten des 18. und 14. Jahrhunderts
eine unverächtliche Rolle, an manchen Orten nannten sie sich,
in einen korporativen Verband zusammengeschlossen, stolz die