Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

226 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
Spiel eröffnet zu werden pflegte, teils zur Unterbrechung, 
seltener auch zur Begleitung des Einzelgesangs. Leise, diskret, 
unbeholfen zunächst noch nahmen sie an Schilderung und 
Charakterisierung der Handlung teil, bis sie langsam in die 
Stellung spezifisch zeichnender Tonwerkzeuge hineinwuchsen und 
ihr Hinzutritt zum Gefang nicht mehr entbehrt werden konnte. 
Aber diese wachsende Beherrschung der Tonempfindungen 
im Drama kam keineswegs sogleich weiten Kreisen zugute. 
Aus einem Mißverständnis des hellenischen Dramas erwachsen, 
ein schwaches Kind der verflauenden Renaissance des 16. Jahr⸗ 
hunderts, blieb das Dramma per musiea in seiner Ver— 
oͤreitung zunächst auf den Kreis der fürstlichen Höfe erst 
Italiens, dann Westeuropas beschränkt, und sein Inhalt be⸗ 
grenzte sich auf Stoffe der klassischen Mythologie und ihr an⸗ 
geschlossene alberne Allegorien, sein Empfindungskreis auf 
girrende Galanterie und die Unnatur höfischer Liebeleien. 
An den deutschen Fürstenhöfen hatte das italienische 
Dramma per musica Vorläufer in Schaustellungen, die bis 
auf das blutige Turnier des Mittelalters zurückgingen. Im 
16. Jahrhundert hatte das Turnier zunächst den harmloseren 
Ring⸗ oder Ringelrennen Platz gemacht, die sich bald durch 
eingelegte allegorische Aufzüge zu manchmal recht plumpem, 
mmer aber heiter gemeintem Kostümgepränge erweiterten. 
Diese „Inventionen“, wie man die verwandelte Form nannte, 
verlangten dann bald die Aufnahme der Sprache und wo mög⸗— 
lich der Musik. So wurde schon 1596 am hessischen Hofe bei 
einem Ritterspiel Gesang herangezogen; und etwa ein Jahr⸗ 
zehnt später sehen wir die Aufführungen, die gelegentlich einer 
Hochzeitsfeier am württembergischen Hofe stattfanden, sehr 
hübsch mit sieben „Liedlein“ ausgestattet; bei der glänzendsten 
Invention dieser Tage aber, dem Ringelrennen der Stadt 
Heidelberg zu Ehren des Einzuges Friedrichs V. und seiner 
Gemahlin im Jahre 1613, wurde die Darstellung des Argo— 
nautenzuges gar durch dreiundzwanzig meist für Gesang be— 
stimmte Gedichte begleitet. 
Unter diesen Umständen kann es nicht wundern, daß das
	        
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