Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

224 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
mit Gesängen, wie etwa „Also heilig ist der Tag“ eingegriffen; 
und wo ja einmal Einzelpersonen musikalisch zur Außerung ge— 
langt waren, da waren diese Außerungen — sehr bezeichnender⸗ 
weise — zumeist mehrstimmig gesetzt gewesen: so finden sich 
die Reden Christi wohl vierstimmig gesetzt; das ist noch in der 
Auferstehung“ Heinrich Schützens vom Jahre 1623, ja auf 
Worte des Evangelisten angewandt zum Teil sogar noch in 
Schützens „Sieben Worten am Kreuze“ vom Jahre 1645 der 
Fall, in Werken allerdings, die man beide in gewissem Sinne 
als Nachfolger des alten Mysteriums ansehen kann. Der 
musikalische Charakter des Mysteriums stand also dem Einzel⸗ 
gesange im prägnanten Sinne des Wortes ebenso fern wie 
Zas aͤltere Lied; es war nicht möglich, daß der Einzelgesang 
sich in ihm völlig ausbildete; zudem verfiel es auch an sich im 
Verlaufe des 16. Jahrhunderts. 
Was aber von der Musik des Mysteriums galt, das traf 
nicht minder auch für das speziell in Italien seit etwa 1650 
von Filippo Neri begründete ältere Oratorium zu. Es bestand 
der Hauptsache nach zunächst aus der Rezitation biblischer Ge⸗ 
schichten mit eingelegten Chören, ohne daß die Rezitation 
fich über die Psalmodie hinaus musikalisch individuell ent⸗ 
wickelt hätte. 
Und auch ein dritter, weltlicher Zweig dramatischer Dich⸗ 
tung, das italienische weltliche Singspiel, das im Laufe des 
15. und 16. Jahrhunderts aus einfachen Maskeraden und Fest⸗ 
aufzügen der Fürstenhöfe hervorgegangen war, versagte. Auch 
in ihm behielt die Musik, soweit sie nicht ganz auf Vorspiele 
und Intermezzi beschränkt blieb, selbst für den übrigens seltenen 
musikalischen Ausdruck der Einzelpersonen mehrstimmigen ma—⸗ 
drigalesken Charakter. 
Gleichwohl sind diese drei Entwicklungen des Mysteriums, 
des Oratoriums und des Singspieles für die Geschichte des 
Einzelgesanges nicht ohne Bedeutung gewesen. Gewiß war die 
Musik in ihnen noch mehrstimmig, aber bei der geforderten 
dramatischen Lebendigkeit des Ausdruckes näherte sie sich mit 
ihren Melismen und melodischen Progressionen aller Art und
	        
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