Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
Sehr natürlich aber, daß diese Auffassung des Wunders, 
durch welche das Hereintreten des Übernatürlichen in die Ge— 
schichte trotz allem für jeden Augenblick prinzipiell zugelassen 
wurde, nun auch verhinderte, grundsätzlich ein Kausalnetz über 
die ganze Fläche des Geschehenden auszubreiten. Und so ver— 
blieb Mosheim, wie seine weltlichen Vorgänger, auf dem Ge— 
biete des Pragmas bei der bloßen, noch nicht einmal regel— 
mäßig gehandhabten pragmatischen Verknüpfung der Einzel— 
handlungen. Die Möglichkeit, unter Beibehaltung der Zulassung 
des Übernatürlichen gleichwohl größere Tatsachenreihen unter 
einem Begriff zusammenzufassen, die späterhin in der Lchre von 
den historischen Ideen durchgebildet wurde, hat Mosheim noch 
nicht gekannt; doch ist es bezeichnend, daß sich bei ihm schon 
ein leises Hindrängen zu ihr bemerken läßt. 
Wenn aber nun die Kirchengeschichte sich schon leise der 
Methode des allgemeinen Geschichtsbetriebes einzuordnen begann, 
so versteht sich, daß sich die alte christliche Geschichtsphilo— 
sophie erst recht eine jüngere rationalistische Schwester ihr zur Seite 
gefallen lassen mußte. Und dieser erschien dann die gesamte 
Menschheitsgeschichte natürlich als eine geradlinig fortschreitende 
Vervollkommnung der Vernunft, wobei das Ziel, die schließ— 
lich zu erreichende Vollkommenheit, verschieden gedacht wurde: 
bald als höchste Bildung, Kultur oder Zivilisation, bald als 
höchste Glückseligkeit, Güte oder Humanität. Es waren im 
Grunde nur Bezeichnungen desselben Zieles von verschiedenen 
Standpunkten aus; und immer wurde das Streben der Ge— 
schichtsentwicklung nach ihm zu als Auswirkung eines selbst⸗ 
bewußten Gottes oder einer metaphysischen Naturabsicht betrachtet. 
Von diesen Kräften wurden dann der Theorie nach die großen 
Individuen zur Durchführung der geschichtlichen Zwecke in die 
Welt gesetzt. So ist denn auch dieser Geschichtsphilosophie die 
Geschichte noch ganz das Werk großer Individuen: ja recht eigent— 
lich als individualistisch kann man sie betrachten. Und diese 
Individuen sind vor allem die der politischen Geschichte: Fürsten, 
Staatsmänner, Feldherren. Kulturzeitalter, nach denen sich die 
Persönlichkeit innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft irgendwie
	        
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