160 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Gewiß läßt sich auch diesen höchsten Ausführungen Lessings
gegenüber noch eine Interpretation vornehmen und bis zu einem
gewissen Grade rechtfertigen, die im besonderen die rationalistische
Seite an ihnen betont. Kein Zweifel, daß auch hier noch
gelegentlich Reste jenes Autoritätsglaubens hervorschauen, den
Lessing, der Schüler des Aristoteles, nie ganz verleugnet hat,
und der doch ganz unverträglich ist mit dem voll entfalteten
Geistesleben des Subjektivismus. Und unbedingt richtig, daß
die Erziehung des Menschengeschlechts bei Lessing der Form
nach auf eine geschichtliche Teleologie in rationalistischer Fassung
hinausläuft. Dennoch überwiegen im tiefsten schon subjek—
tivistische Neigungen; und eben von ihnen aus ersehnt der
Dichter eine höchste Stufe der „Aufklärung und Reinigkeit“.
Oder sollte sie nicht kommen? „Nie? Nie? Laß mich diese
Lösung nicht denken, Allgütiger! Nein, sie wird kommen, sie
wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung. Sie wird
gewiß kommen, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums.“
Konnte Lessing von dieser Überzeugung aus, die der Auf—⸗
klärung seiner Zeit schließlich fast diametral gegenüberstand,
noch ein innerliches Verhältnis zu der platt rationalistischen
Verballhornung des Christentums zu seinen Füßen haben? Er
hat diese Aufklärung schließlich gehaßt. Und das waren
Empfindungen, die am Ende der Orthodorxie zugute kamen.
Gewiß haͤtte Lessing mit dogmatischer Rechtgläubigkeit innerlich
nichts mehr zu tun. Aber eben indem dies der Fall war, in⸗
dem er diesem System weltenfern stand, wußte er es richtig
einzuschätzen, und der Großartigkeit seiner früheren Leistungen
gehörte sein historisches Interesse, ja wir dürfen sagen seine
historische Sympathie. Und so konnte er in einem berühmten
Briefe an seinen Bruder schreiben: „Und was ist sie anders,
unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie, als Mist⸗
jauche gegen unreines Wasser? Darin sind wir einig, daß
unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht
mit Dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halb⸗
philosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem
sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte