162 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
die modernste siegende Macht; und mit vollem Grunde konnte
selbst ein Lessing im Sinne seiner Zeit noch ausrufen: „Luther,
du hast uns von dem Joch der Tradition erlöst; wer erlöst uns
von dem unerträglicheren Joch des Buchstabens?“
Werfen wir aber von der aufklärenden Kritik und von
dem, was an ihr neu war, einen prüfenden Blick rückwärts in
die Vergangenheit, so ist klar, daß sie eben in ihrem Eindringen
in die Theologie, in dem Durchsäuern des alten Systems der
Orthodoxie mit ihren Gedanken die Löserin gewesen ist von
dieser Vergangenheit: nicht minder wie im Übergange von der
mittelalterlichen Gebundenheit zum Individualismus des 16.
bis 18. Jahrhunderts hat sich der Übergang von diesem
Individualismus zu dem entwicklungsgeschichtlich nächsten Zeit—
alter des Subjektivismus am tiefsten, unmittelbarsten und ent—
schiedensten auf religiösem Gebiete vollzogen.
III.
Ehe sich indes in der Rationalisierung des Christentums
als einer Vorstufe zu dessen Subjektivierung der vielgewundene
Übergang von dem Zeitalter eines älteren Seelenlebens zu dem
der jüngsten Zeit auf religiösem Gebiete vollzog — ein Über—
gang, der durch die wasserlosen Wüsten einer rein gedanklichen
Behandlung religiöser Fragen führte —, hatte sich teilweis
schon vor der eigentlichen Aufklärung und dann vielfach parallel
mit ihr verlaufend in religiös stark empfindenden Gemütern
immer lauter und lauter der Ruf nach Quellen frischen Wassers
erhoben. Wenn dieser Übergang Menschenalter dauerte wie
einstmals der Übergang zur Reformation, sollten auch Menschen—
alter unter ihm religiös geschädigt werden? Stark und stärker
brach unter der trostlosen Decke einer zunehmenden Verstandes⸗
kultur die Macht des Gemütes hervor und äußerte sich
ahnungsvoll in neuen Formen der Frömmigkeit: erst in der Zer⸗
streuung und in unzusammenhängender Gruppenbildung der
Adepten, dann immer geschlossener und kompakter in einer ein⸗
zigen großen Bewegung, der Bewegung des Pietismus.