514 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
gelang, weil ihm eine Reihe mehr selbständiger oder wenigstens
halbwegs unabhängiger Vorgänge entgegenkam.
Hierhin gehört an erster Stelle, daß sich seit dem Erwerb
von Böhmen und Ungarn der Adel dieser Länder mit dem
der Erblande am Hofe zu treffen pflegte und es infolge davon
zu Verschwägerungen kam, die zunächst im 16. Jahrhundert An⸗
gehörige des deutschen Adels vielfach in fremde Lande brachten,
wo sie mit den reichen Mitteln der heimischen Kultur bei ge—
ringerer Höhe der fremden leicht Reichtum, Einfluß und Ehre zu
erlangen wußten. Diese Einwanderung deutscher Adelselemente
erstreckte sich sogar auf das sonst sozial so abweisende Ungarn.
Hier haben schon 1559 die Tiroler Arco, 1563 die Ungnad
und Harrach, 1583 die Dietrichstein, 1572 die Rueber das
Indigenat erhalten, und ihnen folgten zu Anfang des 17. Jahr⸗
hunderts die Trautson, Herberstein, Rottal, Eggenberg. Vor
allem aber sind viele Adlige aus dem Innerösterreichischen
nach Böhmen und Mähren gewandert, z. B. die steirischen
Stubenberg schon im ersten Jahrzehnt nach Ferdinands J.
Krönung; und noch zahlreicher und mit ganz anderem Erfolg
dann zu Anfang des 17. Jahrhunderts die krainischen Thurn, die
kärntnischen Kreig und Dietrichstein, die tirolischen Colonna-Fels
und andere. Erleichtert wurde dies Überfließen zunächst des
österreichisch-erbländischen Adels vor allem nach Böhmen und
Mähren durch die Politik des Herrscherhauses gegenüber dem
Uradel der Lande. Schon infolge des böhmischen Aufstandes
von 1547, der von diesem Uradel vornehmlich getragen gewesen
war, hatte König Ferdinand J. zahlreiche Edle zur Abtretung von
Herrschaften und zur Umwandlung von Alloden in Lehnsgut
gezwungen; die Bewegungen der Jahre 1618 bis 1627 führten
dann geradezu zur Vernichtung des nationalen Uradels in
diesen Ländern. Freilich wurden damals neben deutschem Adel
auch viele romanische und nichttschechisch-slawische Elemente in
Böhmen heimisch.
Dem Überströmen vornehmlich des deutschen Adels in die
neuerworbenen Lande, dem schon im Mittelalter eine vielfache
Ausgleichung dieses Adels innerhalb der dentschen Erblande