thumbs: Neueste Zeit (Abt. 3)

230 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
schßand. Und somit bestand denn der erste große Fortschritt 
des Subjektivismus darin, daß er eben dies Element, und 
zwar in einer bisher unerhörten Stärke und Aktualität, 
wiederum nachschuf. 
Dabei spielte zunächst wohl auch nur die Individualpsycho— 
logie eine Rolle. Was man vor allem sah, war die verstärkte 
Tätigkeit der großen Individuen, der Helden, der Genies, in 
denen sich Gott noch unmittelbar auswirkte: eben ihr Zu— 
sammentreffen und ihre Aufeinanderfolge schienen den Reigen 
der Zeiten zu beherrschen. 
Aber noch bezeichnender war doch, daß daneben sehr bald 
und zunächst zwar meist nur ahnungsreich, aber um so wirk— 
samer sozialpsychologische Motive traten. Sehr natürlich. Die 
unmittelbare Gewißheit von der lebendigen, aber differenten 
psychischen Einwirkung der Individuen mußte doch vor allem 
auch zur Einsicht der sie verbindenden Momente führen; man 
entdeckte sehr bald, daß diese vornehmlich in dem seelisch Un— 
bewußten, Zeitgemäßen, Nationalen lagen: und so ergänzte sich 
die individuale Geschichtserklärung durch die soziale, die politische 
Geschichte durch Versuche auf kulturgeschichtlichem Boden. Es 
war ein ganz allgemeiner, mit dem Subjektivismus auch schon 
in seinen leisesten Regungen unmittelbar verknüpfter Vorgang; 
Lessing schon hat auf diesem Boden seine Beobachtungen ge— 
macht; so wenn er in der Vorrede zu Gleims Kriegsliedern 
bemerkt, der „Landmann, der Bürger, der Soldat und alle 
die niedrigen Stände, die wir das Volk nennen, blieben in 
den Feinheiten der Rede immer wenigstens um ein halb Jahr— 
hundert zurück“. Derjenige indes, der die Einführung des 
sozialpsychischen Momentes in die Geschichtsforschung als etwas 
fundamental Neues, als etwas eine durchaus neue Zeit der 
Geschichte Einleitendes voll begriff, war doch erst Goethe— 
Und in einem monumentalen Satze hat er, auf Winckelmann 
und seine Forschung bezogen, den Wechsel festgestellt. „Winckel— 
mann, ein zweiter Kolumbus, hat die Entwicklung und das 
Schicksal der Kunst als an die allgemeinen Gesetze aller Ent— 
wicklungen gebunden, in ihrem Sinken und Steigen mit der
	        
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