Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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Kultur und den Schicksalen des Volkes gleichsam Schritt 
haltend, entdeckt.“ 
In der Mitte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts 
war das neue Motiv schon voll aufgenommen und durchgebildet. 
Die Kulturgeschichte kam auf, und in ihr lag auch schon der 
Entwicklungsgedanke als vage Vorstellung von dem kontinuier⸗ 
lichen Fortschreiten der Summen sozialpsychischen Geschehens 
eingebettet, wenn auch die Behandlung dieses Gedankens noch 
keineswegs sehr konkret, sondern mehr philosophisch erfolgte: 
so daß aus ihr mehr eine Philosophie der Geschichte der 
Menschheit als eine Universalgeschichte hervorwuchs: es ist die 
Zeit des historischen Denkens und Darstellens Lesfings, Iselins, 
Wegelins, vor allem aber Herders und Kants. Dabei ergriff 
man doch namentlich den Gedanken der Kontinuität des Ge— 
schehens noch nicht so sicher, daß man nicht, eben auch um die 
Mitte der fiebziger Jahre, die Katastrophentheorie aus der 
Geologie aufgenommen hätte, und daß man nicht durchweg an 
eine Unterbrechungsmöglichkeit des kontinuierlichen und in sich 
kausal zusammenhängenden Geschehens durch transzendente, 
göttliche Einflüsse geglaubt hätte. Freilich war hier der Ge⸗ 
danke der, daß die Dextera manus Dei doch nur ausnahms- 
weise, und vornehmlich durch Zulassung und Schaffung genialer 
Menschen, in die Geschichte eingreife; im ganzen wirkte Gott 
doch schon nur als Causa remota. 
Man muß sich diese Auffassung, die natürlich sehr ver— 
schiedene Modifikationen zuließ, ganz vergegenwärtigen, will 
man den Charakter der Vorstellungen der Zeit von der im— 
manenten Kausalität verstehen. Gewiß: im allgemeinen galt 
diese Kausalität; doch Männer selbst wie Chladenius, Abbt, 
Gatterer, Büsching ließen noch immer zahlreiche Ausnahmen 
von ihr zu. Und keinesfalls brauchte sie, da sie ja doch durch⸗ 
brochen wurde, als ausschließlich psychisch gefaßt zu werden. Auf 
diesem Wege wurde es dann möglich, namentlich dem so— 
genannten Milieu, soweit es nicht psychisch ist, einen weiten 
Einfluß zu gestatten, ja es wohl gar als eines der wichtigsten 
Triebmittel der Geschichte anzusehen, wozu auf romanischem
	        
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