598 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
und große einheitliche Interessen mehr hervortraten, vereinigten
sich gleichsam die bisher mehr getrennt fließenden Stromgebiete
der äußeren Geschicke: räumlich fast ganz einheitlich kann die
Geschichte der deutschen Reformationszeit zur Darstellung ge—
langen.
Doch lag in der politischen Behandlung auseinander—
strebender religiöser ÜUberzeugungen an sich schon ein Moment
weit größeren Gegensatzes, als es die in verschiedener Richtung
— DDO0—
und Wirtschaftslebens je gezeitigt hatte. Als die Erörterung
der großen konfessionellen Fragen sich erschöpfte, als der Satz
uius régio eius religio Wahrheit wurde, erwies sich die
konfessionelle Spaltung als eine Macht, die in der Bildung
des Corpus evangelicorum die morsche Reichsverfassung auf
sozusagen gesetzmäßigem Wege sprengen half; und mehr als
je erschien seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die
politische Geschichte der Nation zersplittert, von kleinen Zufalls⸗
momenten beherrscht und darum unbefriedigend und kleinlich.
Bedenkt man nun, daß während des Dreißigjährigen
Krieges für die Auffassung der deutschen Fürstenwelt die
politische Bedeutung der konfessionellen Momente noch vielfach
fortwährte, während sie in der Anschauung der großen Mächte
allerdings schon zum großen Teile überwunden war; und
rechnet man dazu die dissoziierenden Wirkungen des großen
Krieges überhaupt, so versteht sich, daß der Nation aus dem
Eigenen ihrer Entwicklung kaum ein Anlaß zur Vereinheitlichung
ihrer äußeren Geschicke erwuchs, es müßte denn in dem, freilich
gescheiterten Bestreben der katholischen, habsburgischen Kaiser⸗
gewalt gesucht werden, bis zum Norden, bis zur Ostsee herrschend
oorzudringen.
Daneben machte sich freilich, eben seit dem Schlußjahrzehnt
etwa des Dreißigjährigen Krieges und dann steigend in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Erscheinung geltend,
die die deutschen Geschicke immer wieder zusammenband und den
auseinanderstrebenden Territorien gemeinsame Interessen auf⸗
erlegte. Es war der Druck Frankreichs. Indem sich Frankreich