Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Königtums. 599 
in seinen Bestrebungen ständigen Angriffes gegen die West— 
grenzen des Reiches mit den Mächten verband, die von seinem 
Gebiete aus gerechnet jenseits des Reiches lagen: mit der 
Türkei, mit Polen, vor allem mit Schweden: machte es den 
Deutschen damit unwillkürlich klar, daß für sie im Westen wie 
im Osten und Norden gemeinsame Interessen zu verteidigen 
waren, und sorgte auf diese Weise für jenen durchgehenden 
Zug der deutschen Geschicke, der sich bis zum Schlusse des 
17. Jahrhunderts, ja teilweise darüber hinaus immer ent— 
schiedener wahrnehmen läßt. Es ist ein Dienst der Ver— 
einheitlichung, den die Franzosen der Entwicklung des deutschen 
Volks gar nicht selten erwiesen haben: der u. a. für die Gegen— 
wart das französisch-russische Büundnis — wie im weiteren 
Sinne den englisch-japanischen Bund — für Deutschland mit 
einem gewissen positiven Werte versieht. 
Dennoch darf man nicht verkennen, daß eine solche Zu— 
sammenhaltung des deutschen Ganzen durch äußere Gewalten 
zugleich auch immer einschnürt; und so bedeutete es gewiß 
einen Fortschritt für Deutschland, als während des spanischen 
Erbfolgekrieges ein allgemeines europäisches Interesse, wie es 
vor allem der kaiserlichen Politik und der Politik der Seemächte 
zugrunde lag, dafür sorgte, daß alle französischen Versuche, die 
Ost- und Nordmächte in die Kämpfe im Westen hineinzuziehen, 
cheiterten. 
Und so war denn von diesem Augenblicke an die innere 
Entwicklung der deutschen Territorialstaaten, die äußere Politik 
gleichsam innerhalb des Reiches, wiederum frei; ungebundener 
als seit langer Zeit konnten die einzelnen kleinen Mächte 
gegeneinander und miteinander handeln. Dabei war es aber 
doch bezeichnend, daß die alte Zerfahrenheit des 16. Jahr⸗ 
hunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht 
wiederum eintrat. Deutlich vielmehr sieht man zunächst eine 
Nord- und eine Südhälfte der deutschen Entwicklung sich 
scheiden: der Raumeinteilung nach tritt damit im großen 
und ganzen die Kombination des ausgehenden Mittelalters 
wiederum auf.
	        
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