Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. Kbnigtums. 601
welfischen Besitzes im heutigen Braunschweig und Hannover,
die für die soeben besprochene Wendung in Betracht kamen.
Und nur dadurch, daß sich der Ehrgeiz der katholischen großen
Territorien, und damit vor allem des Südens, immer wieder
auf Kombinationen der eigenen Territorialgewalt mit der Gewalt
der großen geistlichen Fürstentümer am Rhein verlegte, kam ein
scheinbar fremder Zug in dies Bild: der rheinische Nordwesten
schien eher dem Süden als dem Norden zuzuneigen. Aber ent—
sprach nicht gerade diese Modifikation des Bildes uralten Ent—
wicklungstendenzen und einem schon seit dem 14. und 15. Jahr⸗
hundert nachweisbaren Ausbau allgemeiner Beziehungen? Von
jeher bildeten die Rheinlande von Basel bis Utrecht, von den
alemannischen Bistümern des Südens bis zu dem friesischen des
Nordens, ein gemeinsames Verkehrsgebiet, dessen Bedeutung sich
durch die Beseitigung der Hindernisse im Rheine bei Bingen nur
noch hob; und schon seit dem 12. und 183. Jahrhundert hatte
sich, neben dem Gegensatze zwischen Süden und Norden, der
andere zwischen dem Mutterlande des Westens und dem Kolonial⸗
gebiete des Ostens entwickelt.
Lagen hier aber zunächst Momente der politischen Ent—
wicklung vor, die seit etwa dem Jahre 1700 Norden und
Süden, und vor allem Nordosten und Süden immer mehr
gegeneinander abhoben, so ist nicht zu verkennen, daß sie durch
noch viel tieferliegende Vorgänge vor allem auch der wirt—
schaftlichen Entwicklung in hohem Grade akzentuiert erschienen
und in ihrer dauernden Wirkung befestigt wurden.
Die geographischen Bedingungen, unter denen eine mensch—
liche Gemeinschaft geschichtlich heranwächst, wirken nicht zu
allen Zeiten ihrer Geschichte in gleicher Weise; sie sind vielmehr
in ihrer jeweiligen, schwankenden Bedeutung von der Ent—
wicklungshöhe der menschlichen Gemeinschaft, die in ihnen lebt,
abhängig. So sind Land und Leute in ihrem gegenseitigen
Verhältnisse nichts Starres, sondern tausend und abertausend
Veränderungen unterworfen und das Studium dieser Wand—
lungen macht den besonderen Reiz der historischen Geographie
aus. Beispielsweise sind so die weiten Prärien Nordamerikas