Die nordd. Staaten u. d. nord. Krieg; Entwickl. d. preuß. KHnigtums. 605
historisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, und Neben—
umstände, wie die Kombination des Kurfürstenhutes mit der
polnischen Krone, konnten sie wohl hinausschieben, nicht aber
oerhindern.
Aber war die Lage der welfischen Beziehungen gegenüber
Brandenburg auf die Dauer günstiger? Selbst die Zusammen—
fassung des Weserlandes im Königreiche Hannover hat dessen
Aufgehen in Preußen nicht ausgeschlossen; die Ebenen- und
Tiefenentfaltung des Landes gegen das Meer war zu gering,
und das Meer selbst war zwar die Nordsee, die gegen die
Ostsee immer mehr an Bedeutung gewann, aber ohne Bremen
und Hamburg.
So fällt Brandenburg an sich schon, durch Exklusion der
anderen, innerhalb Norddeutschlands der Vorteil der besten
Entwicklung zu. Aber dazu hat das wegen seiner Unfrucht—
harkeit so viel verspottete Land für geldwirtschaftliche Zeiten
zugleich auch im Bereiche seiner weitesten Umgebung die
lockendsten positiven Bedingungen der Entfaltung zum Großen.
In solchen Zeiten ist nicht die agrarische Produktionsfähigkeit
allein oder an erster Stelle, sondern die leichte Zugänglich—
keit für Zu- und Abfuhr von wirtschaftlichen Gütern von
ausschlaggebender Bedeutung: und eben ihrer kann sich die
Mark im höchsten Maße rühmen, und insbesondere Berlin ver⸗
dankt fast wunderlich günstigen Bedingungen in dieser Hinsicht
seinen Aufschwung. Bei nur geringer Korrektion des bestehenden
Flußsystems, wie sie schon der Große Kurfürst verständnisvoll
anbahnte, kulminieren in Berlin alle großen Binnenschiffahrts—
möglichkeiten des deutschen Nordostens; zugleich ergeben sich
eben für diese Stadt die leichtesten Verkehrsbedingungen zur
Nord- und Ostsee; und doch liegt sie dem Meere so fern, daß
sie vor Piraterie und Plünderung geschützt ist — während der
Staat, dessen Hauptstadt sie ist, dem Meere nahe genug an—
grenzt, um ständig zur Erwerbung von Küsten angereizt und
damit in eine der Hauptrichtungen großer Politik hinein—
zezogen zu werden.
Es sind die allgemeinen Entwicklungsbedingungen des
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 39