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scheidet, daß sie nicht wie jene blechern und hornartig sich anfühlt,
sondern, daß sie womöglich die ganze Festigkeit der rohen Haut ver
einigt mit Biegsamkeit, Dehnbarkeit, Weichheit oder Elastizität, je nach
dem Zweck, für welchen sie bestimmt ist, und welche sich chemisch von
der bloß getrockneten Haut dadurch unterscheidet, daß sie der Ein
wirkung von Fäulnisbakterien usw. viel schwerer zugänglich sich erweist.
Je nach den zur Verwendung kommenden Gerbesubstanzen werden obige
Ziele natürlich in verschiedener Weise und bis zu verschiedenen Graden
erreicht; es gibt heute Ledersorten, welche durch Wasser nicht geändert
werden, und von diesen an gibt es, in vielfältiger Abstufung, solche,
welche schon durch kurze Behandlung mit Wasser wieder in den Zu
stand der rohen Haut übergeführt werden. Die Weißgerberei z. B.
erzeugt Lederarten, welche die Ledereigenschaft zwar besitzen, aber leicht
wieder verlieren können.
Nach den in diesem Prozeß verwendeten Gerbesubstanzen wird die
Gerberei überhaupt folgendermaßen eingeteilt:
Bei Verwendung von Lohe oder vegetabilischen Gerbesubstanzen
spricht man von Loh- oder Rot- oder vegetabilischer Gerberei; wie wir
bereits gehört haben, ist der vegetabilische Gerbstoff vor allen Dingen
der Lohe, aber auch der anderer Pflanzenteile, von bräunlichen, röt
lichen oder gelblichen Farbstoffen begleitet, wodurch das Leder die Farbe
dieses begleitenden Farbstoffes annimmt. Bei Verwendung von Alaun
und Kochsalz spricht man von Weißgerberei, weil das mit Alaun und
Kochsalz gegerbte Leder eine weiße Farbe erhält; die Chromgerberei
erzeugt grünliches Leder und bedient sich der Chromsalze, während die
Gerbung mit Eisensalzen ein bis heute ungelöstes Problem darstellt;
die Gerbungen mit Alaun, Chromsalzen und Eisenpräparaten faßt man
zusammen unter dem Titel „Mineralgerbungen". Die Sämischgerberei,
Fettgerberei, welche die weichen Waschleder erzeugt, verwendet als
Gerbstoff den Tran, und neuere Versuche mit Formaldehyd, Stearin
säure, Elektrizität und andere nennt man dementsprechend Formaldehyd
gerbungen, Stearinsäuregerbungen, Elektrische Gerbungen. Das sind
die einfachen Gerbmethoden; ein nach einer dieser Methoden gegerbtes
Leder erweist sich nach ganz bestimmten Richtungen verändert und mit
ganz bestimmten physikalischen und chemischen Eigenschaften, Vorzügen
und Nachteilen begabt. Es ist ein erstrebtes Ziel, besonders der neuesten
Zeit, wenn natürlich auch die geschichtlichen Wurzeln weit zurück sich
verfolgen lassen, durch Kombination dieser verschiedenen Gerbesub
stanzen, sei es miteinander, sei es nacheinander, Lederqualitäten von
neuen Eigenschaften zu erzeugen, wobei außerdem bestimmte Nachteile
ausgemerzt sein sollen. So kommt es, daß es heute einfache Gerbe
methoden fast nicht mehr gibt. Das Sohlleder ist rein lohgar, das gewöhn-