356 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
in mancher Hinsicht an August von Sachsen, den typischen
Vertreter des patriarchalischen Absolutismus der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts erinnern. Zu dieser Grundlage des 16. Jahr⸗
hunderts aber trat beim Großen Kurfürsten und auch bei Friedrich
Wilhelm J. noch eine weitere. Beide fühlten schon über sich ein
objektives Ideal des Staates. War dieser Gedanke bei ihnen
auch noch nicht so abgeklärt wie später bei Friedrich dem
Großen, so zeigt ihr Handeln doch schon deutlich, daß ihnen
der brandenburgisch-preußische Staat ein Rechtssubjekt außer
ihnen war, nicht bloß ein Zubehör ihres Hauses, und daß sie
sich als Beauftragte gleichsam der Räson dieses Staates fühlten.
Es ist der Übergang vom Territorialbewußtsein zum Staats—⸗
bewußtsein, der sich in ihnen vollzieht. In diesem Sinne hat
der Große Kurfürst eine Denkmünze mit der Aufschrift Pro
Deo et populo schlagen lassen, und demjenigen der Prinzen
Karl Emil und Friedrich einmal sechs Dukaten versprochen,
der zuerst die Worte richtig aufsagen würde: die gesturus
sum principatum, ut sciam, rem populi esse, non meam
privatam. Dabei ist im Großen Kurfürsten dieses aufkeimende
Staatsbewußtsein bei allem brandenburgischen Egoismus doch
verquickt mit einem leidenschaftlichen Fluge deutscher Vater⸗
landsliebe, überhaupt mit hinreißendem Pathos; bei Friedrich
Wilhelm J. dagegen erscheint es ganz auf Preußen allein ge⸗
wandt, nüchtern und rationalistisch, ins Detail pedantisch er—
gossen, und dennoch geadelt durch sittlichen Ernst und un—
erbittliche Pflichttreue.
Klar war aber von vornherein, daß diese Auffassung der
Herrscherwürde durch den Großen Kurfürsten wie durch Friedrich
Wilhelm J. keinerlei Teilung der staatlichen Gewalten zuließ:
und insofern war sie, wenn auch noch auf dem religiösen
Grunde des Absolutismus des 16. Jahrhunderts beruhend,
doch tatsächlich über diesen hinausgewachsen. Ein Herr galt
jetzt und ein Zentrum allein des staatlichen Lebens bestand:
der Fürst. Gefestigt werden aber mußte dieses Zentrum durch
Bureaukratie und Heerwesen, und unversöhnlich mußte von
ihm aus gegen den anderen historischen Brennpunkt des staat—