Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 733 
von Lüttich alsbald auf die herrischste Weise durchgriff, störte 
die günstige Gesamtauffassung nicht, wenn auch der Kardinal 
Fleury schon damals schrieb: „Der König von Preußen ist 
eitel bis zum höchsten Grade und glaubt sich den größten 
Kronen mindestens gleich.“ 
In Wien war es namentlich der Gemahl Maria Theresias, 
Franz Stephan, der auf Grund früherer eigener Beobachtungen 
die allgemeine Anschauung über den neuen König von Preußen 
vertrat, obgleich Karl VI. diesem in der Lütticher Angelegenheit 
noch kurz vor seinem Tode mit einem geharnischten Erlaß von 
Reichswegen hatte entgegentreten müssen. 
Im übrigen aber hatte man in Wien in den Herbsttagen des 
Jahres 1740 vor allem mit sich selbst zu tun. Denn keines— 
wegs so glatt wie der Regierungsantritt Friedrichs II. in 
Berlin vollzog sich hier der Thronwechsel beim Tode des letzten 
männlichen Habsburgers, Karls VI. Der Kaiser war, erst fünfund⸗ 
fünfzig Jahre alt, nach kurzer Krankheit gestorben: unerwartet 
trat der Erbfall ein, den die Pragmatische Sanktion zu regeln 
bestimmt war. Die Bestürzung war deshalb allgemein, und 
in dem Durcheinander des Strebens und Meinens behielt im 
Grunde nur eine Person den Kopf oben: die Erbin selbst, 
Maria Theresia. Mit welcher angeborenen Würde und darum 
Freiheit der Meinungsäußerung hat sie nicht in dem ersten 
Kronrate ihren Entschluß ausgesprochen, durchaus nach den 
Vorschriften der Pragmatischen Sanktion zu verfahren und 
sich von ihnen nichts abdringen zu lassen. Und allerdings war 
eine solche feste Aussprache nötig: denn nicht bloß von außen, 
namentlich von Bayern her drohten Erbansprüche; auch in 
den habsburgischen Landen sah man teilweise mindestens in 
voller Lethargie einem etwaigen Zerfall des Landes entgegen, 
und selbst die Wiener Bürgerschaft erörterte ohne besondere 
Erregung die Möglichkeit, an Bayern zu fallen. 
Friedrich von Preußen aber war nicht der Ansicht, sich 
diese günstige Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung mit 
dem Hause Osterreich, das seines Vaters Politik in der Jülich— 
Bergischen Sache so hingezogen hatte, entgehen zu lassen. 
Lamprecht, Deutiche Geschichte. VII. 2. 47
	        
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