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Mit dem Beginne des 19. Jahrhunderts ist in den in betracht Das 19. Jahr-
kommenden Ländern, wie dargelegt, ein Umschwung in den Anschau- hundert,
ıangen eingetreten; die künstlichen Förderungsmittel sind aufgegeben,
lagegen hat man untersucht, wie den Unzuträglichkeiten einer zu rapiden
Volkszunahme entgegengewirkt werden kann.
Bei den Mitteln hat man zu unterscheiden zwischen den präven-
tiven indirekten und den positiven unmittelbaren durch beschränkende
Massregeln des Staates. Robert Malthus selbst hat sich nur von
den ersteren Erfolg versprochen. Erst seine Schüler haben in extremer
Weise unter: wesentlicher Beschränkung der individuellen Freiheit vor-
yehen wollen und dadurch die Lehre ihres Meisters diskreditiert.
Ueberall ist es zu beobachten, dass in der besitzenden und ge-
bildeten Klasse die weitgehendste Vorsicht in der Eheschliessung
stattfindet, während gerade in der besitzlosen unteren Masse der Be-
völkerung der grösste Leichtsinn nach dieser Richtung vorliegt. Kin
yrosser Teil des vorliegenden Elends ist darauf zurückzuführen, dass
Arbeiter, Gesellen, kleine Meister, Kaufleute etc. sich verheiraten, bevor
sie eine gesicherte Stellung haben, und nach kurzer Zeit, namentlich
bei erweitertem Hausstande und Arbeitsunfähigkeit der Frau, der
5ffentlichen Armenkasse anheim fallen. Aber selbst wenn eine an-
zemessene Stellung erreicht ist, welche eine kleine Familie angemessen
zu ernähren vermag, entsteht das Elend durch eine zu grosse Kinderzahl,
wodurch die Frau dem Siechtum verfällt und nicht mehr imstande ist,
den Hausstand angemessen zu versorgen, die Kinder zu pflegen und
noch viel weniger einen ergänzenden Verdienst zu schaffen, Es ist
die allgemeine Beobachtung, dass solcher Leichtsinn sich am meisten
ausbildet und die weiteste Verbreitung bei dem Proletariat findet, das
nur aus der Hand in den Mund lebt und sich daran gewöhnt hat,
sich nur dem Moment hinzugeben und für die Zukunft Staat und Ge-
meinde sorgen zu lassen. Das beste Mittel, wo nicht das einzige, hier
Abhilfe zu schaffen, liegt darin, auch die untere Klasse zu einer ge-
wissen Behäbigkeit des Daseins und zu etwas Besitz gelangen zu lassen,
wodurch sie von selbst daran gewöhnt wird, auch an die Zukunft zu
denken. Eine Hebung der allgemeinen Bildung wird dann das Ehr-
zyefühl heben und die Selbstverantwortlichkeit zum Bewusstsein bringen,
Es gilt aber vor allem, die sehr verbreitete falsche Auffassung der
christlichen Lehre zu beseitigen, dass man in dieser Beziehung unbe-
zümmert seinen Trieben folgen dürfe und die Folgen getrost der Für-
sorge Gottes überlassen könne, und dafür den Satz in den Vordergrund
zu stellen: hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen, verschärft durch
die Lehre Malthus’, der selbst ein Geistlicher war, dass es ein Ver-
orechen sei, Kinder in das Leben zu rufen, die man nicht selbst zu
ernähren imstande ist.
Wenn jeder Einzelne der Bevölkerung die nötige Vorsicht in Wirtschaft-
seinem Hausstande walten lässt, so wird auch eine rapide Volkszunahme liche Wege
keineswegs pessimistisch aufzufassen sein, wie dieses von Malthus Zum Ausgleich
und seiner Schule geschehen ist. Die moderne Kultur bietet, wie schon rnalıme.
ainmal angedeutet, Mittel und Wege, um noch darüber hinaus den
Volkswohlstand zu fördern. Im letzten Jahrhundert ist die Bevölkerung
in England und Wales von 9 Mill. auf über 30 Mill. gestiegen; in
Deutschland von etwa 25 auf 56 Mill., während der Wohlstand noch