236 —
»•
dustriellen Westdeutschland, da sein Bestreben nach transatlan
tischem direkten Verkehr diesem zugleich bessere Ausfuhrmöglich-
keiten darzubieten schien, gernäfs der bisherigen Duckwitzschen
Politik 1 ). Agrarisch hatte der Freihandel die besten Bedingungen
in dem ostdeutschen Großgrundbesitz, seitdem die Agraremanzipation,
die das Untereigentum durch Beseitigung der Landesherr ge
wordenen Ritterschaften und Kleinsouveräne im Südwesten, der
Meierechte im Nordwesten, im Nordosten das Obereigentum zur
Geltung brachte 2 ), vom alten sozialen und politischen Recht zum
Privatrecht des neunzehnten Jahrhunderts, dem Tanzboden für die
des Hdlsstds. entw. Zolltarif f. d. ver. Dtschl., abgedr. a. d. Yerhdl. des oldenb.
Gew.- und Handelsv., Oldenburg 1849, S. 43. Vgl. i. üb. die Streitschriften.
*) Die Augsburger Handelskammer schreibt am 9. Febr. 1847; „Auch
die Frage, ob zu erwarten stünde, dafs mit der Zunahme des Bezugs über
Bremen auch der Absatz süddeutscher und schweizerischer Producte dorthin
steigen würde, glauben Wir bejahen zu müssen. Der Bremer Seehandel ist
wesentlich auf Gegenseitigkeit des Absatzes berechnet, ein Eigenhandel,
meistens von den überseeischen hanseatischen Etablissements aus geleitet. Für
alle seine Bezüge an Colonialen und dergleichen Artikeln setzt Bremen deutsche
Erzeugnisse in die Erzeugungsländer ab und zeichnet sich dadurch sowohl
eines Theils vor Holland, anderntheils auch vor Hamburg vortheilhaft aus.
Während die Bilanz des vereinsländischen Verkehrs mit Holland jährlich ein
grofses Deficit zum Nachtheile Deutschlands zeigt, ein natürliches Ergebnifs, da
Holland, auch wenn es den Export deutscher Stoffe nach seinen Colonien
begünstigte, durch sein Erpressungssystem dieselben in solcher Armut hält,
dafs sie nur geringe Quantitäten deutscher Manufacte consumiren könnten,
und während Hamburg auf der andern Seite einen Theil seiner überseeischen
Bezüge aus europäischen Zwischenhandelshäfen macht, für die kein Wieder
absatz an deutschen Producten stattflndet, hat Bremen das Verdienst, einen
Verkehr gepflegt zu haben, der dem deutschen Gewerbsinteresse der vortheil-
hafteste ist. So gewifs, als der deutschen Industrie nur aus dem directen
Verkehr mit den transatlantischen Staaten ein dauernder greiser Gewinn zu-
fiiefsen kann, ebenso gewifs verdient Bremen als deutscher Seehandelsplatz
alle Begünstigung und Förderung, denn sein ganzer Seehandel ist mit wenigen
Ausnahmen auf directe Beziehungen begründet.“ (Papiere des verstorbenen
Herrn Bürgermeisters A. Duckwitz im Besitz von Herrn Ferd. Duckwitz in
Bremen.) Auch von der Gegenseite wird Bremen der Vorwurf gemacht, dafs
es um des direkten Banmwollhandels willen den Freihandel verrate. (Vgl. die
Broschüren.) Die sächsischen Weber gingen in der Twistfrage mit Hamburg.
2 ) Vgl. Carl Johannes Fuchs, Die Epochen der deutschen Agrar
geschichte und Agrarpolitik, Jena 1898 (ohne Literaturangaben Beilage zur
Allg. Zeitung 1898, 29. u. 30. März Nr. 70 u, 71; seine agrarhistorischen
Artikel in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft; Literatur in des
selben Grundprobleme der deutschen Agrarpolitik in der Gegenwart, Jahr
buch der Gehe-Stiftung, VIII. Bd., 6. Heft, Dresden 1902, S. 44 ff. (ferner zur
Aufstellung des heutigen Agrarproblems und Lösungsversuchen).