Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

328 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Jahren. Auf eine Beglückwünschung zum ruhmreichen Ende 
des Siebenjährigen Krieges, dessen letzter Tag der schönste 
seines Lebens sein müsse, hatte der König die Antwort: Der 
schönste Tag des Lebens sei der, an dem man es verlasse. 
Nun aber, in den beiden Jahrzehnten nach dem Sieben⸗ 
jährigen Kriege, kamen sie, die Tage der Einsamkeit. Dahin 
war die frohe Tafelrunde von Sanssouci; nur mühsam, und 
nie wieder in alter Frische erneuerte sich die Potsdamer Ge— 
sellschaft. Dazu starben die liebsten Verwandten des Königs — 
niemand von ihnen mehr betrauert als der neunzehnjährige 
Prinz Heinrich, der Sohn des schon 1758 gestorbenen Prinzen 
von Preußen. „Mein Kind hatte mir das Herz entwandt 
durch eine Menge guter Eigenschaften, denen kein Fehler 
gegenüberstand. Ich sah in ihm einen Prinzen, der den Ruhm 
des Hauses aufrecht erhalten würde. Wenn ich denke, daß 
dieses Kind das beste Herz der Welt hatte, angeborenes Wohl⸗ 
wollen besaß und für mich Freundschaft empfand, so treten 
mir unwillkürlich Tränen in die Augen und ich muß den Ver— 
lust des Staates und meinen eigenen tief beklagen. Ich bin 
niemals Vater gewesen, aber ich bin überzeugt, daß kein Vater 
seinen einzigen Sohn anders betrauert, als ich dieses liebens⸗ 
würdige Kind.“ 
Und zogen sich nicht auch sonst die Freunde zurück bei 
aller Bewunderung? Bitter sprach es Friedrich aus: „Ich 
lebe mit der Welt in Ehescheidung und trenne mich von ihr, 
ehe sie mich verläßt.“ Aber auch dem unbefangenen Beobachter 
schien in den letzten Jahren das Bild des Königs „kaum noch 
der Gegenwart anzugehören, so sichtbar waren die Spuren 
der Hinfälligkeit in dem zusammengesunkenen Körper und der 
schlaffen Bewegung der Glieder“. 
Dennoch gehörte diese Heldenseele der Welt bis zum letzten 
Atemzuge mit jeder Fiber an und suchte Weltliches wie 
Geistiges mit gleich heißer Sehnsucht umfassend zu beherrschen. 
Dem Staate galt an erster Stelle ihr Dasein, und dies Dasein 
war ihr Pflicht. Noch immer residierte der König wenn 
auch nur kurze Zeit während des Winters in Berlin, um dann
	        
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