Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 455 
den modernen Souveränitätsbegriff erst dann mit Raffinement 
anzuwenden, wenn unklare Abtretungen gemacht waren, die 
diese Anwendung zugunsten einer wesentlichen Erweiterung der 
abgetretenen Rechte gestatteten. 
Das hieß natürlich diplomatischer Kleinkrieg auf Jahre, 
bis endlich die Geduld selbst des frömmsten Gegners reißen 
mußte: und dann erbitterter Krieg fast ohne Absehen eines 
Endes. 
Waren aber am Niederrhein die Aussichten auf friedliche 
Zeiten, wenn auch auf ganz andere Weise erschwert, an sich 
besser? 
Die Niederlande waren hier zunächst zweigeteilt, und die 
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reich mit Spanien in ständigem Gegensatze stand, eine stets 
unruhige Grenze — ja, rechnete man die südlichen Niederlande 
noch ein wenig zum Reiche, eine ständige Gefährdung der 
Grenzlande selbst. Zudem: da Spanien als eines der großen 
Machtgebiete des Hauses Habsburg in fortdauernden, bald 
näheren, bald weniger engen Beziehungen zu Österreich stand, 
so bedeutete es eine immerwährende, in ihren Wirkungen 
schwankende, oft unberechenbare Rückwirkung der französisch— 
südniederländischen Vorgünge und Beziehungen auf das Haus 
und die Herrschaft des traditionellen Oberhauptes des Reiches 
und damit auf das Ganze des Reiches selbst. 
Nicht minder eigenartig war das Verhältnis der nörd⸗— 
lichen Niederlande zu den Nachbarn im eigentlichen Reiche 
und zum Reiche selbst. Es läßt sich am besten von der Ge— 
schichte der Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg her betrachten. 
Um diese reichen Lande war, wie wir wissen, seit dem Jahre 
1609 mit dem Aussterben des alten Herrscherhauses ein Streit 
entbrannt, an dem sich vornehmlich die Pfalz und Branden— 
burg als zum nächsten Erbanspruch Berechtigte beteiligt hatten. 
Dabei war es denn zu Teilungen gekommen, in denen 
ein provisorischer Vertrag den anderen ablöste; und in dem 
Düsseldorfer Provisionalvergleich vom Jahre 1647 hatte man 
sich schließlich dahin geeinigt, daß dem Neuburger Pfalzgrafen
	        
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