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Zweiundzwanzigstes Buch.
1689 —1695 — für die absolute Staatshoheit, sei es des
Reiches, sei es der Territorien, über die zünftigen Genossen⸗
schaften eintrat. Dementsprechend haben beim Reiche schon in
den Jahren 1666 — 1672 Beratungen über eine Reformation
der Zünfte stattgefunden, und etwas später wurden einzelne
territoriale Reformen versucht, so in Braunschweig-Hannover
1692, in Hessen 1693; vereinzelte Maßregeln sind auch sonst,
in Brandenburg z. B. unter Friedrich Wilhelm J., getroffen
worden.
Ausschlaggebend für die Durchführung einer allgemeinen
Reform wurden aber erst die Gesellenunruhen, die sich in der
Mitte der zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts an den ver⸗
schiedensten Stellen des Reiches erhoben: so haben z. B. 1724
die Schuhmacher in Wien, Mainz, Stuttgart, Würzburg und
Augsburg revoltiert. Die Gründe fur diese Gesellenunruhen
sind heute noch nicht mit völliger Sicherheit erkannt: war es
die Zunahme der Hausindustrie? oder der Geschäftsaufschwung
der Jahre 1720-302 Oder welche Hauptursache sonst? Sicher
ist, daß der Vorgang als etwas sehr Ungewöhnliches erschien.
Darum griffen die Staatsgewalten denn auch sehr entschieden
durch: in Osterreich kam es schon 1722, in Hannover 1723, in
Sachsen 1724 zu scharfen Edikten gegen Koalition und Arbeits
einstellung, und von Osterreich her verlautete sogar die Ab⸗
sicht, eine Generalgewerbe- und Zunftordnung zu erlassen.
Doch ging die Initiative seit 1727 an das Reich über, und
am 16. August 1731 erschien ein Reichsgesetz über die strittige
Materie: ein seit langer Zeit in diesen und verwandten Dingen
unerhörtes Ereignis.
In diesem Gesetze wird gegen den Übermut der Gesellen
vorgegangen, die vermöge ihrer interterritorialen Verbände die
Meister und das Publikum tyrannisiert und den Arbeitsmarkt
beinahe ganz an sich gerissen hätten. Ihre Korporationen
wurden so gut fast wie aufgehoben; die Gerichtsbarkeit wird
ihnen genommen; ihre Koalition zum Zweck terrorisierender
gemeinsamer Arbeitseinstellung soll als Komplott betrachtet
werden; sie behalten nur ihre Herbergen zur Stellenvermittlung,