Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 233
den Leiden des jungen Werthers geschildert ist. Nur dem
Herzen will man noch folgen, frei von Regeln und Gesetzen,
von jeder Fessel gelöst, nur den Gefühlen des Schauens hin—
gegeben: bis man das eigene Herz verhätschelt sieht. Mit
Verachtung und Mitleid blickt man dabei auf die Träger
ständig und regelmäßig in Anspruch nehmender Berufe herab.
So wenden sich nicht wenige, namentlich jüngere Zeitgenossen
von einem sicheren Berufe ab oder treiben sich von einem zum
anderen um, innerer Unruhe voll; und selbst ein bürgerlich so
trefflicher Mann, wie Goethes Schwager Schlosser, kann sich
im Deutschen Museum (1777) vernehmen lassen: „Gelehrten⸗
stand — Stand? Pfui! .... Himmel, was für Stände! —
Der Gelehrtenstand, der Juristenstand, der Predigerstand, der
Autorenstand, der Poetenstand — überall Stände und nirgends
Menschen! .... Warum ist Weisheit, Erfahrung, Menschen⸗
kenntnis so selten bei euren Männern von Geschäften! Weil
sie so viel studieren müssen, so wenig leben. Warum ist so
wenig bei euren Gelehrten? Weil sie einen Stand aus—
machen.“
Aber schlimmer und auffallender als die Entschlußschwere
waren noch andere Krankheiten des Willens, die nun herauf—⸗
zogen. Die allgemeine Erregtheit hatte starke Schwankungen
der Entschlußfähigkeit zur Folge, und nicht wenige Träger eben
jüngster seelischer Fortschritte endeten in Mutlosigkeit. Bei
anderen wiederum ging die Schwärmerei, die sich so leicht
aus der Erregtheit entwickelt, entweder in verzehrende Senti—
mentalität über, die in Selbstmord enden konnte, oder verlief
in eine Vertrauensseligkeit und Unbesonnenheit, von der viel—
leicht Lavater eines der besten Beispiele bietet. Vor allem
aber gab der Verfall der Willensfestigkeit den schweren Leiden⸗
schaften freies Feld. In diesem Zusammenhange hat Hamann,
nach zeitgenössischem Zeugnisse selbst „ein wunderbares Gemisch
wahrer Kindlichkeit und der Heftigkeiten des leidenschaftlichsten
Menschen“, die Leidenschaft geradezu als Leben und Waffe der
Menschheit seiner Zeit bezeichnen können: „sie kennt keine Regel,
sie will keinen logischen Beweis; sie ist der Odem des Genies“.