Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Ton der alten Frömmigkeit des 16. Jahrhunderts gemildert 
wurde, der sich vielfach noch tief bis ins 18. Jahrhundert 
hinein erhalten hat. Der Vater führte ein patriarchalisches 
Hausregiment, und der ihm gebührende Gehorsam äußerte sich 
noch in festen Formen: „Herr Vater“ ist noch die herzlichste An— 
rede; Georg Friedrich Behaim aber redet noch 1635 seinen Vater 
brieflich folgendermaßen an!: „Edler, Ehrenwerter, Fürsichtig-, 
Hoch- und Wohlweiser, demselben kindliche Lieb treu vnd ge— 
horsamb neben frl. Salutation mit wünschung aller zeitlichen 
vnd ewigen wolfarth zuvor, Insonderß Hochgeehrter Herr 
Vatter.“ So ist auch die Stellung der Mutter gegenüber den 
Kindern, soweit sie durch den Vater bestimmt wird, eine sehr 
autoritäre, er spricht von ihr dem Kind gegenüber von „Deiner 
Frau Mutter“. 
Das hält nun freilich die Mutter nicht ab, sich im all— 
gemeinen mit den Kindern gegenüber dem Vater mehr solida— 
risch zu fühlen, wie das typisch noch in der Ehe des kaiser⸗ 
lichen Rates Goethe hervortritt. Der Grund ist einfach: gegen⸗ 
über dem Gatten spielt auch die Gattin eine untergeordnete 
Rolle. Denn mochte sie selbst rechtlich besser gestellt sein als 
im Mittelalter, immer war sie im Grunde daheim doch nur 
die Dienerin des Mannes, und außerhalb des Hauses erschien 
sie kaum ohne dessen Begleitung. Dazu war das Heim keines— 
wegs häufig geistig belebt; so sehr es noch Pflanz⸗— und 
Traditionsstätte von deutschem Gemüt und damit Humor und 
unbewußt nationalem Empfinden war, so entschieden fehlte 
doch eine höhere Bildung: abgesehen von den wenigen Mädchen, 
die von ihren gelehrten Vätern zu Neulateinerinnen erzogen 
wurden, sorgten nur die Mütter auf dem Wege dürftiger 
geistiger Inzucht für die Bildung ihrer Töchter. Der Verkehr 
nach außen hin aber galt weder als fein noch war er einiger⸗ 
maßen frei; er begrenzte sich auf gesellige Zusammenkunfte im 
weiteren Kreise der Familie oder der Freundschaft; dafür galten 
steife Formen von Urväter Zeiten her, und wo diese nicht be— 
Steinhausen, Gesch. d. deutschen Briefes 2, 62.
	        
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