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Zweiundzwanzigstes Buch.
„Die Frauen müssen wohl prüde bleiben,“ heißt es im
Athenäum, „so lange Männer sentimental, dumm und schlecht
genug sind, ewige Unschuld und Mangel an Bildung von ihnen
zu fordern. Denn Unschuld ist das Einzige, was Bedeutungs⸗
losigkeit adeln kann.“ Und an anderer Stelle des Athenäums
findet sich schon die folgende Würdigung: „Die Frauen haben
durchaus keinen Sinn für die Kunst, wohl aber für die Poesie.
Sie haben keine Anlage zur Wissenschaft, wohl aber zur
Spekulation. An Spekulation, innerer Anschauung des Un—
endlichen fehlte es ihnen gar nicht, nur an Abstraktion, die sich
weit eher lernen läßt.“ Eine merkwürdige Ähnlichkeit des
Urteils verknüpft diese Stelle mit Beobachtungen, die man für
die deutsche Urzeit machen kann, da die Frauen zum großen
Teile noch Trägerinnen der geistigen Überlieferung der Nation
waren: wer wird in diesem Zusammenhange nicht an das
taciteische Aliquid sancti erinnert?
Freilich: die Lockerung der geschlossenen Familienbande
und die erste subjektivistische Emanzipation der Frauen, Ereig—
nisse von segensreichster Wirkung für die Fortbildung der Nation
hinein in ein neues Zeitalter, waren nicht frei von bedenklichen
Nebenerscheinungen.
Schon während des Dreißigjährigen Krieges und nach
ihm war unter der Decke einer rigorosen Sitte vielfach Sitten⸗
losigkeit eingerissen. Ein Geschlecht, das die schmutzigen Romane
Talanders und seinesgleichen las und die Schlüpfrigkeiten der
zweiten schlesischen Dichterschule gierig verschlang, muß innerlich
Mangel an wahrer Moral gelitten haben. Und in der bürger⸗
lich-aristokratischen Kultur, die sich nunmehr einstellte, begann
sich sehr bald eine Atmosphäre offener Frivolität zu entwickeln:
nichts charakteristischer, als daß von Rohr in seiner Zeremonial⸗
wissenschaft (1730) schon von dem Uberhandnehmen der „Ge—
wissensehen“ sprechen kann. Und wirkte um diese Zeit nicht
auch die steigende Mätressenwirtschaft der Fürsten auf Bildung
und Bürgertum ein?
Auf diesem Grunde erwuchs in der Zeit entfesselter neuer
Regungen des Seelenlebens, vornehmlich seit den sechziger