Neue Dichtung.
511
überdruß bis zum ernstlichen Gedanken an Selbstmord: aber
schon aus diesen Ereignissen heraus erwuchs schöpferischer
Drang und Zug zu einer Beichte in positivem Sinne: mit
„Werthers Leiden“ legte der Dichter ab, was an ihm senti—
mental-sterblich war; und mit diesem Bekenntnis wie der
ernsten Arbeit am „Götz“, in der Entwurf auf Entwurf und
Ausführung auf Ausführung zerstört wurde, erwies er sich
der Nation zum erstenmal als der Dichter der Zukunft.
Gewiß: in diesem vulkanischen Innern gärte es noch.
Wo waren die Zeiten sehnsüchtigen Hinschmelzens über Ossian,
üppig-frivoler Freude am gelehrten Griechentume Wielands
jetzt geblieben? Hinweg mit den alten Göttern! Die Farce
Satyros verspottet Rousseaus gemachte Natur und sogar den
gern bevormundenden Herder; „Götter, Helden und Wieland“
räumen mit dem hellenischen Rokoko auf, das „Jahrmarktsfest
zu Plundersweilern“ ironisiert die ganze ablaufende Epoche.
Aber war schon reif, was nun Neues erstand in diesem ewig
gebärenden Herzen? Wohl mochte der junge Mann, der als
Knabe der Sonne einst fromme Räucheropfer durch ein keusches
Brennglas entzündet hatte, den Ewigen in neuen Formen an
der Hand Spinozas suchen, mochte er flehen:
Schaff, das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, daß ich's vollende:
die Götter blieben verhüllt; Stückwerk war sein Schaffen,
wenn auch von herrlichster Art; und von den großen Ent—⸗
würfen dieser Zeit ist nur der „Faust“ später Vollendung
entgegengereift.
Inzwischen kam die Berufung nach Weimar.
Der alte Rat Goethe fürchtete, der steif französische Hof⸗
ton des neuen Aufenthalts könne dem Charakter seines Sohnes
schaden. Der Sohn aber hatte einstmals von Straßburg ge⸗
schrieben: „Mein Leben ist wie man im Schlitten fährt, flüchtig
und klingelnd, aber ebensowenig fürs Herz, als es für Auge
und Ohren viel ist“; und er wiederholte jetzt dasselbe Bild zur
Kennzeichnung seines Daseins im neuen Aufenthalt. Indes nur
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 83