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Zweiundzwanzigstes Buch.
wegen, nach vorhergehender Erforschung des Terrains durch die
Malerei und im Gefolge der Errungenschaften dieser, möglich
war. Darum trat seitdem die Plastik in der Entwicklung der
bildenden Künste zurück; und übernahm seit dem 16. Jahr—
hundert die Malerei die Führung.
Allein auch ihr ward es nicht leicht, auf dem überaus
schwierigen Boden Fuß zu fassen. Gewiß war für die Schärfung
des malerischen Auges dadurch viel erreicht, daß mit der
steigenden Ausbildung eines besonderen rein künstlerischen
Malerstandes seit dem 16. Jahrhundert an Stelle der noch im
15. Jahrhundert nicht aufgelösten handwerklichen Einbettung
der Kunstmalerei in die Tätigkeit des Weißbinders die Muße
der Beobachtung und damit die Intensität des künstlerischen
Sehens außerordentlich zu steigen vermochte. Es ist der Bei⸗
trag zur Kunstgeschichte, den die steigende Geldwirtschaft des
individualistischen Zeitalters ganz im stillen geleistet hat. Aber
nicht zu verkennen bleibt doch, daß diese Intensität nicht im
geraden Verhältnis zu dem immer rascheren Zeitmaß der Volks⸗
wirtschaft fortschritt.. Das Tempo des Wirtschaftslebens ist in
naturalwirtschaftlichen Perioden durch den Ablauf der Jahres-
zeiten ein für allemal gegeben: jährlich ein voller Umsatz des
Kapitals, jährlich ein einmaliger Umlauf der menschlichen
Berufstätigkeit, das ist das nicht überschreitbare Maximum.
Jetzt dagegen, in geldwirtschaftlicher Zeit, ergab sich ein mit
steigendem Kapital und verbesserten Verkehrswegen immer
rapiderer Umsatz des Kapitals und damit ein immer hastenderes
Zeitmaß der materielle Werte erzeugenden Tätigkeit: konnte
dem nun die geistige Produktivität folgen? Man wird es von
denjenigen geistigen Berufen behaupten können, bei denen
größere Kapitalaufwendungen schnellere Ergebnisse geistiger
Arbeit verbürgen: so gewiß für eine ganze Anzahl wissen⸗
schaftlicher Betätigungen. Aber gilt die Wandlung auch für die
Gebiete der Kunst? Schwerlich; es sei denn, daß Intensitäts⸗
schärfungen der künstlerischen Fähigkeiten durch Anwendung
wissenschaftlicher Erziehungsmittel, Photographie, Kenntnis der
optischen Wissenschaften u. dgl., und damit indirekt durch