Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

578 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
wegen, nach vorhergehender Erforschung des Terrains durch die 
Malerei und im Gefolge der Errungenschaften dieser, möglich 
war. Darum trat seitdem die Plastik in der Entwicklung der 
bildenden Künste zurück; und übernahm seit dem 16. Jahr— 
hundert die Malerei die Führung. 
Allein auch ihr ward es nicht leicht, auf dem überaus 
schwierigen Boden Fuß zu fassen. Gewiß war für die Schärfung 
des malerischen Auges dadurch viel erreicht, daß mit der 
steigenden Ausbildung eines besonderen rein künstlerischen 
Malerstandes seit dem 16. Jahrhundert an Stelle der noch im 
15. Jahrhundert nicht aufgelösten handwerklichen Einbettung 
der Kunstmalerei in die Tätigkeit des Weißbinders die Muße 
der Beobachtung und damit die Intensität des künstlerischen 
Sehens außerordentlich zu steigen vermochte. Es ist der Bei⸗ 
trag zur Kunstgeschichte, den die steigende Geldwirtschaft des 
individualistischen Zeitalters ganz im stillen geleistet hat. Aber 
nicht zu verkennen bleibt doch, daß diese Intensität nicht im 
geraden Verhältnis zu dem immer rascheren Zeitmaß der Volks⸗ 
wirtschaft fortschritt.. Das Tempo des Wirtschaftslebens ist in 
naturalwirtschaftlichen Perioden durch den Ablauf der Jahres- 
zeiten ein für allemal gegeben: jährlich ein voller Umsatz des 
Kapitals, jährlich ein einmaliger Umlauf der menschlichen 
Berufstätigkeit, das ist das nicht überschreitbare Maximum. 
Jetzt dagegen, in geldwirtschaftlicher Zeit, ergab sich ein mit 
steigendem Kapital und verbesserten Verkehrswegen immer 
rapiderer Umsatz des Kapitals und damit ein immer hastenderes 
Zeitmaß der materielle Werte erzeugenden Tätigkeit: konnte 
dem nun die geistige Produktivität folgen? Man wird es von 
denjenigen geistigen Berufen behaupten können, bei denen 
größere Kapitalaufwendungen schnellere Ergebnisse geistiger 
Arbeit verbürgen: so gewiß für eine ganze Anzahl wissen⸗ 
schaftlicher Betätigungen. Aber gilt die Wandlung auch für die 
Gebiete der Kunst? Schwerlich; es sei denn, daß Intensitäts⸗ 
schärfungen der künstlerischen Fähigkeiten durch Anwendung 
wissenschaftlicher Erziehungsmittel, Photographie, Kenntnis der 
optischen Wissenschaften u. dgl., und damit indirekt durch
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.