Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

38 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Erziehungsfreiheit! Und es ist das vielleicht die bezeichnendste 
Erscheinung überhaupt der besonderen subjektivistisch-freiheitlichen 
Entwicklung, die Deutschland gezeitigt hat: wie weit weicht 
dieser Bildungsgang nicht ab von den Entwicklungsformen der 
Engländer oder der Franzosen und der süd- und westeuro— 
päischen Völker. Aber freilich: gerade die feinsten Blüten einer 
generellen Freiheit subjektivistischen Geisteslebens umfaßt dieser 
Bildungsgang ganz und hat eben sie durch entschiedenste Geltend⸗ 
machung der öffentlichen Meinung dauernd und mehr als sonst 
bei vielen Völkern gesichert: Freiheit des Glaubens, Freiheit des 
Denkens, Freiheit des Wortes und Freiheit der Presse. 
Gebundene Kulturen vermögen grundsätzlich keine Toleranz, 
keine Freiheit des Glaubens zu entwickeln. Denn da sie als 
Zeiten starker Dissoziation der Gesamtpersönlichkeit für Reize 
und Vorstellungen, die aus dem Festgewurzelten und Autori— 
tären kommen, einseitig empfindlich sind, so ist eine ihrer 
charakteristischen sozialpsychischen Erscheinungen der Fanatismus, 
und Fanatismus schließt Duldsamkeit aus. Aber alsbald mit 
den individualistischen Zeiten, die zum ersten Male eine Ver— 
schiedenheit des Glaubens ermöglichten, ist diese auch bei dem 
Volke der Dichter und Denker eingezogen und hat wenn auch 
keineswegs Toleranz, so doch die Notwendigkeit der Toleranz 
mit sich gebracht. Und so sieht man denn das 16. Jahrhundert 
und noch mehr spätere Jahrhunderte um diese ringen, und 
immer größer, von den Fürsten abwärts sich erweiternd, reicht 
der Kreis derer, die der Freiheit des Glaubens genießen. 
Allein einen vollen Abschluß dieser Bewegung und als 
dessen Zeichen die Glaubensfreiheit eines jeden Einzelnen hatte 
das individualistische Zeitalter grundsätzlich doch noch nicht 
gebracht und konnte sie nicht bringen: dem noch galten Be— 
kenntnisse, die eine allen ihren Bekennern gemeinsame Heils—⸗ 
oermittlung zwingend vorschrieben. 
Da war es denn eines der entscheidendsten Zeichen des 
vollen Durchbruchs des Subjektivismus, daß man gegen diesen 
Zwang anzukämpfen, daß man ihn abzulehnen begann. Und 
aichts war natürlicher, als daß eben der Kampf und Sieg in
	        
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