fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung 
Charakters umgearbeitet werden müssen! Liegen hier nicht Auf⸗ 
gaben von unendlicher Feinheit vor, die zudem schließlich aus 
der wissenschaftlichen Auffassung heraus doch ins Künstlerische 
führen, in denen das logische Urteil abgelöst wird vom Gefühl, 
vom Instinkte? 
Man vergegenwärtige sich diesen Verlauf der geschicht— 
lichen Arbeitsweise, um sich mit der Überzeugung zu erfüllen, 
daß die sichersten Thatsachen auf geschichtlichem Gebiete nicht 
die individuellen sind, die in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit 
so leicht den Eindruck unzerstörbarer Gewißheit hervorrufen, 
sondern die allgemeinen: jene groben Thatsachen, deren tiefster 
Kern durch Vergleichung, durch ein wahrhaft wissenschaftlich 
urteilendes Verfahren festgestellt werden kann. Und man ge— 
winne diese Überzeugung unmittelbar anschaulich, indem man 
statt der bunten Vorgänge der Gegenwart, die unsere Aufmerksam— 
keit zu ihren Gunsten einseitig von dem Verfolgen der tieferen 
Strömungen ablenken, vielmehr Vorgänge einer weiteren Ver— 
gangenheit beispielsweise heranzuziehen suche, in denen unser 
Auge neben den verwirrenden Erscheinungen des Alltags auch 
der allgemeinen Zusammenhänge leichter habhaft wird. Was ist 
da z. B. für unser Mittelalter sicherer: daß es ein Lehns—⸗ 
wesen gegeben hat, oder daß ein bestimmter Kaiser einen be— 
stimmten Fürsten in einem bestimmten Jahre belehnt hat? 
Die generelle Thatsache ist durch tausend Nachrichten belegt 
und auch dadurch begrifflich sichergestellt, daß auch sonst oft 
da, wo sich in der Entwicklung der Völker Naturalwirtschaft 
findet, ein Lehnswesen entfaltet scheint: die vergleichende Be— 
trachtung von unendlich vielen Nachrichten aus der eigenen 
Volksentwicklung wie die vergleichende Umschau auf dem Ge— 
biete der allgemeinen Völkergeschichte ergiebt sonach dasselbe 
Resultat: es ist das statistische Gesetz der großen Zahl, das 
sich hier in einer außerordentlichen Sicherheit der historischen 
Anschauung auswirkt. Dagegen die einzelne Belehnung! Wie 
wenige haben sie beobachtet! Und wenn wir von allen diesen 
Wenigen genaue Aufzeichnungen des Ereignisses hätten: — 
würden sie sich, bei ihrer verhältnismäßig geringen Zahl, auch
	        
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