Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

192 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel. 
den Charakter eines selbständigen Staates unter sardinischer 
Oberhoheit. Weiterhin gab Frankreich endlich die in der Re— 
volutionszeit aus den Ländern der europäischen Zivilisation 
zusammengeraubten Kunstwerke wenigstens teilweise heraus — 
obgleich die Aufstellung dieser Forderung den Engländern, denen 
freilich nichts geraubt worden war, unbegreiflich vorkam —; und 
verpflichtete sich zur Verpflegung von 150 000 Mann alliierter 
Truppen, welche unter dem Kommando des Herzogs von 
Wellington in achtzehn Festungen des französischen Ostens und 
Nordens auf fünf, unter dem Eintritt gewisser Bedingungen 
vielleicht auch nur auf drei Jahre als „europäische Polizei“ 
oerbleiben sollten. 
Das war alles. Für die Folgezeit wichtiger aber, als 
dieser Friede, war ein anderer Vertrag, der ebenfalls während 
des Pariser Aufenthaltes der Monarchen abgeschlossen wurde: 
die Heilige Allianz vom 26. September 1815. 
Während der Jahre des Kampfes gegen Napoleon, vor 
allem in der eigentlichen Befreiungszeit, hatte sich das reli— 
giöse Gefühl außerordentlich gesteigert. Vornehmlich, wenn 
freilich auch in besonderer Art, galt dies von den höheren 
Kreisen der Gesellschaft. Gewiß war hier an manchen Stellen 
das freigeistige Wesen der letzten, verfallenden Aufklärung 
wirklich innerlich zurückgedrängt worden und hatte biederer 
Herzensfrömmigkeit Platz gemacht. So bis zu einem gewissen 
Grade bei Franz J., vor allem aber bei Friedrich Wilhelm III., 
der seinem ganzen Wesen nach zu dieser seelischen Haltung 
veranlagt war. Im ganzen aber war eben in den führenden 
Kreisen eine geistreichelnde, pikant-frömmelnde Religiosität auf— 
getaucht, die leicht in Mystizismus umschlug und sich dann in 
allerlei Aberglauben, insbesondere auch in um diese Zeit sehr 
moderne spiritistisch-magnetische Versuche verlief. 
Die Strömung ging dabei an erster Stelle von der 
deutschen Kultur aus, ergoß sich aber bald in ein internationales 
Bett; und so war es begreiflich, daß sie nicht so sehr in 
nationalen Theorien wie in einem allgemeinen philosophischen 
System ihren letzten Ausdruck fand. Der Schöpfer dieses Systems
	        
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