Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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Konzeption des Subjektivismus ist erreicht, die auch uns noch 
heute voranleuchtet, vor der es keine Schuld gibt als Selbst⸗ 
aufgabe, vor der auch der gefallenen Liebe Gretchens, weil sie 
Liebe ist, nicht irgendwelche Verzeihung, sondern die Gerechtig⸗ 
keit des reinst Menschlichen winkt. 
Und dies ist es denn, was unser in solchem Besitze glück— 
liches Volk als das Höchste an seinem größten Dichter ver—⸗ 
ehren darf: die unbedingte, erhabene Universalität des modernen 
Menschen. In ihr hat Goethe leben und sterben wollen. 
Dabei war aber der Dichter jeder Verblasenheit des 
Denkens, jeder Verwaschenheit der Empfindung fern. Er sah 
es wohl: „wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr 
angeregt fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die 
obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle 
im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mißbehagen mit 
dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu beschwich— 
tigen.“ Aber darum blieb er doch einem kosmopolitischen oder 
gar rein mystischen Ausruhen in den Spekulationen etwa 
Schellings fremd, so sehr er sie und ihren Autor schätzte. 
Und wohl meinte er, in einem engeren Bereiche des Denkens, 
es gäbe keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissen— 
schaft: beide gehörten, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt 
an und könnten nur durch freie Wechselwirkung aller zugleich 
Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Ver— 
gangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Und so 
traten ihm neben die Götter und Mythen Griechenlands die 
Heiligen und die Künste des abendländischen Mittelalters und 
späterer Zeiten, und zur Seite indischer Weisheitslehren sang 
ihm Hafis, der Dichter des persischen Ostens. 
Aber durchaus irren würde, wer diese Weite des Blickes 
bei Goethe mit Kurzsichtigkeit für das Nähere gepaart wähnte. 
Im Gegenteil: die Anteilnahme des Greises gehörte je länger 
je mehr auch dem Nachbar, dem Landsmann, dem Vaterland. 
„Sehen wir unsere Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, 
so finden wir, daß nichts um der Fremden willen geschehen ist.“ 
„Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, 
Lamvbrecht. Deutfsche Geschichte. X. 0
	        
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