128 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Da begreift sich denn auch, daß Schubert keineswegs nur
Liederkomponist gewesen ist. Er hatte das Bedürfnis, sich all⸗
seitig auszuleben. Er hat tiefsinnige Sonaten für Klavier ge—
schrieben, nicht ohne sie in „göttliche Lüngen“ auszuspinnen,
mit heute vielfach veraltetem technischen Apparate, aber auch
schon mit leisen ÜUbergängen zu den Umwälzungen Liszts und
Wagners. Denn er konnte wenn auch nicht grübeln, so doch
gründlich reflektieren, und er meinte, daß die Sonate hier⸗
für ein geeigneter Ort sei, mochte sie auch unter dieser Zu—
mutung einiges von der alten Geschlossenheit ihrer Form
verlieren. Wollte Schubert aber leicht sein und spielerisch,
mehr Weaner als Wiener und weniger Musiker als Musikant,
so vertraute er sich dem Tanze und Marsche an, und kam's
hoch, so griff er zur Ouvertüre. In seinen Quartetten da—
gegen begegnete er sich noch mit Beethoven; und was kann
man von der schweren Philosophie seiner anscheinend unvoll—
endeten herrlichen H-Moll-Symphonie Besseres sagen, als daß
sie würdig war des Zusammenlebens mit diesem Größten aller
Großen, der nur ein Jahr vor ihm starb, und verwandt er⸗
scheint mit dem spätgeborenen Werk eines Brahms?
Das Lied aber entwickelte sich nach Schubert immerhin
noch in vollere Breiten. Wie neben die Lyrik des Sturmes
und Dranges schon, als Ausdruck rapider, dramatischer Epik,
aicht ohne lyrische Empfindungsbeigaben, die Ballade getreten
var, so entfaltete sich neben dem musikalischen Liede auch eine
besondere Musik der Ballade: wir haben schon gesehen, wie
sie bei Schubert wenn auch nicht mit zahlreichen, so doch um
so mehr mit bedeutenden Stücken vertreten war. Aber bereits
vorher hatte Zumsteeg, seit 1792 Hofkapellmeister in Stuttgart,
Balladen komponiert, und eben die großen Anfangswerke der
literarischen Bewegung, Bürgers „Leonore“ und anderes, waren
bon ihm in Musik gesetzt worden. Der eigentliche Balladenkönig
der späteren Zeit ist dann aber der Sachse Karl Loewe (1796
dis 1869) geworden. Er war vornehmlich in den zwanziger
dis vierziger Jahren fruchtbar; aber noch immer singt man seinen
Erlkönig“ oder „Heinrich der Vogler“, seinen „Fridericus Rex“