Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

136 Vierundzwanzigstes Buch, Zweites Kapitel. 
Formenwelt des späteren Musikdramas vorgezeichnet findet oder 
zu leiser Bildung ansetzt, so fehlt doch im ganzen noch dessen 
seelischer Gehalt, — und damit auch noch dessen eigentlichste, 
nervenspannende Sprache. Zugleich macht sich ein Mangel im 
höchsten Grade fühlbar, den ebenfalls erst Wagner als Dichter 
und Komponist des musikalischen Dramas zugleich überwunden 
hat. Weber ist zwar in gewissem Sinne noch vor Schumann 
musikalischer Literat gewesen, hat indes die Textbücher seiner 
Opern nicht selbst geschaffen. Helmine von Chézy aber, die 
Verfasserin des Librettos zur Euryanthe, war alles andre als 
Dichterin, ja auch nur als geschmackreiche Anordnerin eines 
gegebenen Stoffes und Zusammenhalterin von musikalisch ver— 
wertbaren Empfindungsmomenten. Der Text ist unzusammen— 
hängend, formlos, sprunghaft; und so ließ sich auch eine Zer— 
stückelung der Musik an vielen Stellen selbst bei der Meisterschaft 
Webers nicht vermeiden. Eben an diesem Ausgang wurde es 
klar: die neue Oper forderte als Künstler einen Dichter— 
Komponisten, dessen weitausschwingendes Pathos großgearteten 
Stoffen in jeder Hinsicht gerecht wurde. 
Webers letzte Oper war der Oberon. Totkrank, brust-— 
leidend, hat er ihn im Jahre 1825 für das Coventgarden⸗ 
Theater in London verfaßt; es war etwas Außerordentliches, 
daß der Ruhm seiner Werke das Monopol der Pariser Oper 
auf Versorgung der nichtfranzösischen Welt mit Opern durch— 
brach; am 12. April 1826 wurde das Stück im Beisein des 
Meisters unter starkem Erfolge zum ersten Male gegeben; am 
Morgen des 5. Juni fand man ihn entseelt, einem Schlag⸗ 
anfalle erlegen, im Bette. 
Der Stoff der Oper ist noch einmal echt romantisch im 
objektiven und subjektiven Sinne des Wortes: ja im objektiven 
mehr als irgendein Werk Webers zuvor. Der Gegenstand 
umspannt verschiedene Welten des geographischen und des 
seelischen Milieus, umspannt auch Geschichte zugleich und 
Märchen: und so ist er von solcher Ausdehnung, daß sich die 
Personen in dessen weiten Falten fast verlieren, daß die psycho— 
logische Motivation in ihrem Tun, ja ihren Bewegungen ver—⸗
	        
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