Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

ODie Spätromantik. 137 
schwindet und an deren Stelle die ständige Leitung durch eine 
romantische Welt, eine Welt der Elfen tritt. Dementsprechend 
ist denn auch die ganze Handlung willkürlich, von dem ersten 
Motiv des Zwistes Oberons und seiner Gemahlin und dem 
Gebot Kaiser Karls an Hüon an bis hin zu der Abwehr des 
Feuertodes Hüons und Rezias durch die Tanzwirkungen des 
Wunderhorns. Aber eben dieser Charakter des Librettos er⸗ 
laubte eine ungeheure Beweglichkeit der Musik: der Orient in 
seinen verschiedenen Farben in Bagdad und Tunis zieht in 
charakteristischen Tönen an uns vorüber, wenn auch an der 
Wiedergabe des tunesischen Milieus spanische Farben teil— 
nehmen — und daneben stellt sich die Elfenmusik mit ihren 
huschenden, lieblichen Melodien, die christlich-romantisch-musika⸗ 
lische Einkleidung des Ganzen, die grausige Malerei des 
Sturms und der virtuos geschilderte Stimmungswechsel des 
bald still erglänzenden, bald zornig erregten Meeres. Dabei 
sind auch noch die Personen wenigstens ihrer besonderen 
Umwelt nach scharf erfaßt: wie unterscheiden sich z. B., mit 
wenig Strichen auseinandergehalten, die Herrscher des Orients 
und Okzidents, Karl der Große, der Bey von Tunis, der 
Kalif von Bagdad! 
Entwicklungsgeschichtlich aber steht der Oberon nicht auf 
dem schon weiter fortgebildeten Niveau der Euryanthe: so liegt 
beispielsweise noch eine Welt zwischen dem Gesange der Meer— 
mädchen auf der Insel, da Hüon und Rezia landen, und den 
Sängen der Rheintöchter in Wagners Nibelungen. Zwar fehlt 
auch im Oberon nicht das Leitmotiv; von der einfachen Ton⸗ 
folge des Zauberbechers hinauf bis zu dem kräftig akzentuierten, 
verwickelten Motive des allgegenwärtigen Pucks findet es sichere 
Verwendung. Und auch die spielenden Motive der Violinen 
bei Wagner und das gewaltige Anschwellen der Stimmungen 
bis zum Einsetzen des Blechs — überhaupt das tiefe Pathos 
späterer Zeiten kündigt sich an. Aber all dies wird doch noch 
überrieselt von den springenden Wässern niemals versagender 
und breit ergossener Melodien. 
Weber hat als Opernkomponist der romantischen Zeit
	        
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