Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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Dresdner Frühzeit, der Freischütz, Webers vollendetstes Werk 
überhaupt, schon der Aufführung. Sie fand im Sommer 1821 
zum ersten Male statt: unter beispiellosem Beifall der Hörer. 
Was bot aber auch dies musikalisch und dramatisch revolutio⸗ 
näre Werk unserem Volke! Was ist nicht alles schon in der 
Duvertüre enthalten, die im übrigen die strenge Form der 
Sonate noch nicht sprengt: Waldesweben und die stille Poesie 
der Mondscheinnacht, Jägerfrohsinn und der rauhe Ton des 
Bösen, Liebesglück und Verzweiflung, das Erzittern vor der 
dämonischen Macht der Sünde und der Siegesjubel eines rein 
liebenden Herzens. Und wie schlägt aus der Oper selbst, die 
ihr Meister mit Recht eine romantische genannt hat, das Herz 
des Volkes heraus, soweit es unter der Stimmung einfacher 
bäuerlicher Zustände und der Wirkung ursprünglicher Gefühle 
der Liebe und des Hasses, der Abhängigkeit von guten und 
hösen Mächten steht. Und erstaunlich ist auch noch für unser 
Empfinden die Durchdringung und die Veredlung zugleich dieser 
polkstümlichen Welt. 
Auf den Freischütz folgte, 1823, die „Euryanthe“. Es ist ein 
Werk, das der später durch Wagner bezeichneten Periode besonders 
aahe tritt. Die Musik erscheint hier dem dichterischen Gedanken 
pöllig untergeordnet; grundsätzlich und in allen wichtigen Fällen 
auch praktisch gibt sie das Gesetz ihrer herkömmlichen Organi— 
sation, ihres Formenbaues auf, wenn dies durch den Fortschritt 
des dramatischen Gedankens gefordert wird. So springt un— 
zählige Male die geschlossene Form ungescheut in das Rezitativ 
über; so stellen sichh Beugungen und Unterbrechungen durch 
Leitmotive ein; aus deklamatorischen Elementen erheben sich 
ariose Formen, deren Koloraturen ganz dem Ausdrucke der 
Stimmung dienstbar gemacht sind; das gesamte musikalische 
Wesen wird akzentreich und pathetisch; und Steigerungen von 
außerordentlicher Langatmigkeit werden gewagt und veranlassen 
die Stimmen der Sänger wie des Orchesters zu nie zuvor er— 
hörter Anspannung. Gleichwohl sind in der Euryanthe die 
Pforten einer neuen Zeit noch nicht ganz erreicht, geschweige 
denn überschritten. Denn obwohl sich im einzelnen schon die
	        
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