140 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapiteil.
Mendelssohn die Stimmung des Shakespeareschen Sommer—⸗
nachtstraumes besonders lag: Elfenspuk, mimosenhafte Zart—
heit, Leidenschaften ohne Ecken und Spitzen, dazu ein histo—
risches Anempfinden aus sehr verschiedenen fremden Kulturen
zumal: das war eine Aufgabe recht eben für ihn geschaffen;
schon siebzehniährig hat er, 1826, die Ouvertüre, und in wie
hoher technischer Vollendung bereits, geschaffen. In den
späteren Werken seiner Manneszeit, in den Oratorien Elias
und Paulus (1846 und 1836), denen sich ein Christus an⸗
schließen sollte, zeigten sich dagegen wieder die Grenzen seiner
Begabung. Die Musik entsprach der Gotik dieser Zeit: sie ist
weichlich, bisweilen aber doch noch kirchlich, namentlich da, wo
ein altjüdischer Funke durchschlägt: aber sie bleibt zu schön,
um in deutschem Sinne charaktervoll zu wirken.
Muß nach alledem noch gesagt werden, daß dem Meister
die Oper, die frühe große Form der Romantik, im Grunde fern
lag? Aber auch eine neue Formenwelt ihrer Instrumentalmusik
hat Mendelssohn nur in engen Bezirken angebaut. Groß dagegen
und in seiner Zeit unübertroffen war er als Dirigent. Mit
welchem Stolze sieht der Leipziger noch heute auf das Zahr⸗
zehnt seiner Tätigkeit am Gewandhaus zurück! Und es war
nur eine Ausdehnung dieser reproduzierenden Wirksamkeit, daß
Mendelssohn im Jahre 1848 zu Leipzig das erste Konserva⸗
torium der Musik schuf. Es war zugleich der innerste Aus—
druck seiner Veranlagung. Nun zum ersten Male wurde die
Musik des 19. Jahrhunderts modern-akademisch gepflegt und
ihre Formenwelt darum nicht mehr so sehr fortgebildet als ge—
schlossen. So hat denn die Leipziger Schule Großes gewirkt
in den JZahren ihres frühesten Bestehens, solange die Be—
wegung, von der sie getragen war, auch noch außerhalb ihres
Kreises lebte; später hat sie wesentlich nur noch mittlere Talente
dressiert und zu guter Letzt sogar noch einen Historismus ge—
züchtet, der sich der Gegenwart verschloß.
Der eigentliche Vollender der romantischen Musik, ihr
fortgeschrittenster instrumentaler Meister war Robert Schumann
(1810- 1856). Schumann stammte aus Zwickau, aus einer