74 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
während wenigstens für die zwanziger Jahre Vergleiche mit
Schwind als Figurenmaler und Ludwig Richter als Land—
schafter noch näher liegen; die Romane aber der Frühromantik
und vielfach noch der zwanziger, ja dreißiger Jahre erinnern
gar am ehesten noch an die zarten Umrißbilder der Na—
zarener und deren geheimnisvollen Inhalt oder an die wenig
farbenfrohen, wenn auch im Umriß kräftigeren Kartons des
Cornelius.
Was aber den entwicklungsgeschichtlichen Inhalt der spät⸗
romantischen Dichtung ausmacht, das hat seinen reichsten und
vollständigsten Ausdruck doch wohl in der Lyrik gefunden: und
mehr, darf man sagen, als in den anderen Gattungen der
Dichtung tönten in ihr auch die wichtigsten zeitgenössischen
Interessen mehr zufälligen Charakters wider.
Schon der Umstand, daß sich die spätromantische Lyrik
von der frühromantischen schärfer abhebt als andere poetische
Gattungen, ist nicht ohne Bedeutung: das gibt dem Verlaufe
des Ganzen alsbald einen geschlossenen Zug, wenn auch die
Ausgänge ähnlich diffus sind wie auf anderen Gebieten: denn
die Heimat der Dichtung überhaupt wird langsam
dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen;
und indem dem Enthusiasmus der subjektivistischen Frühzeit
zusammenfassend-rationalisierende Jahre folgen, verfliegt jenes
Fluidum poetischer Haltung, das vordem Leben und Sein der
Nation so ausnehmend erfüllte.
In der Lyrik machten die Freiheitskriege und eigentlich
noch mehr ihre Vorjahre Epoche. Die harte Not der Fremd⸗
herrschaft zwang wie der Philosophie so auch dem Liede, wie
dem Denken so auch dem Dichten eine Richtung auf das Dies—
seits auf, die in Fichtes Reden an die deutsche Nation und in
Arndts Poesie vielleicht zum entschiedensten Ausdrucke kam.
Denn was haben Arndts politische und kriegerische Dichtungen
viel mit dem Besonderen der Fruͤhromantik zu tun? Hier er—
schallten Töne der Vorzeit, alttestamentlich, evangelisch, volks⸗
tümlich nicht im Sinne der Nachahmung, sondern des eben⸗