Die Spätromantik.
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und wunderlicher Begebenheiten“ zu vermitteln, dient doch zu⸗
gleich noch irgendeiner Tendenz, einem Programme, einer Ab⸗
sicht, und liebt deshalb eine gewisse, gelegentlich recht behaglich
verweilende Stimmung oder mindestens einen durchgebildeten
Kolorismus der Darstellung. Nun lief aber eben hierauf,
vor aller historisch-realistischen Fortentwicklung, die eigentliche
Neigung der Spätromantik hinaus; und so versteht es sich, wie
schon in den zwanziger Jahren derjenige der Frühromantiker,
der sich durch verhältnismäßig größeren Wirklichkeitssinn aus—
zeichnete, Tieck, zum Vater der deutschen Kunstgattung der
Novelle werden konnte; 1821 sind seine „Gemälde“ erschienen.
Gewiß hatte sich schon vorher Goethe in meisterhaften
Gebilden novellistischer Art versucht. Aber er stand damit
allein. Dann war von der epischen Zelle gleichsam her, von
der aus der Räuber- und Schauerroman gespeist wurde, von
der Märchenerzählung aus, auch eine feste Durchschnittsform
der Novelle entwickelt worden. In ihr haben Fouqué und
Achim von Arnim gedichtet: in einfachem schmucklosem Vortrage,
ohne weitere Künste der inhaltlichen und formalen Gliederung.
Jetzt aber ging Tieck über diese Anfänge hinweg; er schilderte
schärfer; er baute kunstvoller auf; er nutzte die Tendenz zum
Dramatischen, die der Gattung innewohnt, wenn auch noch
zögernd aus. Das Ergebuis war dann freilich noch nicht die rea⸗
—0—
gebildete Novelle der Epigonenzeit der fünfziger und sechziger
Jahre, sondern ein zunächst noch recht zartes und graziös⸗
unbehilfliches Gebilde, die ästhetische oder Teetischnovelle, voll
von feinknochigen Gestalten und vor allem voll von Reflexionen
und anderer romantischer Zutat. Dieser Charakter beschränkte
dann natürlich auch den Inhalt; wesentlich nur das Treiben der
höheren Stände wurde geschildert. Doch haben dann andere,
Eichendorff und namentlich Hauff, in ihren novellistischen Erzäh—
lungen einen kräftigeren Ton über breiterem Inhalt angeschlagen.
Im ganzen blieb es indes dabei, daß die Novelle in ihrer
ästhetischen Durchbildung auf dem Gebiete der Malerei etwa
der koloristischen Kunst der Schadowschen Schule entsprach,