Die Spätromantik.
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Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.
Bei Uhland ist dann eine verwandte Stelle schon weit
konkreter gestimmt; und neben die Naturpoesie tritt weit über—
ragend als Inhalt der Dichtung das Menschenleben, treten
Liebe, Treue und Vaterland: I
Sie singen von Lenz und Liebe,
Von sel'ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde,
Von Treu und Heiligkeit.
Sie singen von allem Süßen,
Was Menschenbrust durchbebt
Sie singen von allem Hohen.
Was Menschenherz erhebt.
Und manche Stelle späterer Zeit ließe sich anführen, die
neben der Menschenwelt der Gegenwart auch noch die der
Vergangenheit als das Reich der Dichtung rühmt: und nicht
mehr in der verschwommenen Weise der Empfindsamkeit oder
auch noch der ersten Romantik, sondern konkret, an Ort und
Zeit gebunden, und mahnend zu reicherem Sinne und härte⸗
rem Tatendrang: wohl soll auch da noch des Lebens Muse
frei einher wallen, aber nicht mehr, um im Vergangenen zu
versinken, sondern in Heldenträumen befangen einer größeren
Zukunft.
Es war eine Wendung, die von Anbeginn auch einen anderen
Begriff des Volkstümlichen bedingte als bisher. Der früh⸗
romantische Begriff hatte immer noch etwas Gemachtes gehabt;
das Nationale, noch mehr das eigentlich Volkstümliche war
Gegenstand eines besonderen Interesses, war beinahe kuriös,
im französischen Sinne dieses Wortes, gewesen. Jetzt wurde
das Volkstümliche einfach volksgemäß; es wurde zu etwas
Selbstverständlichem, dessen Gefühl und Empfindung sich der
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